vermögens¹)" in Ansehung der Farben aus der Tatsache schließen zu wollen, daß auf früheren Stufen einer Sprache die Farbbe- zeichnung oft,,unbestimmt“ bleibt. Die sog. Unterschiede sind nichts, was nur eben zu finden wäre. Bzw. sie bestehen nicht zwischen bloßen,,Inhalten", sondern setzen, um überhaupt als ein Unterschied gefaßt und nicht als bloße Verschiedenheit fest- gestellt werden zu können, eine bestimmte Konzeption desjenigen bereits voraus, was nach der üblichen Abstraktionslehre sich gerade allererst ergibt durch das Bemerken eines unterscheiden- den Merkmals.,,Während wir z. B. eine Bezeichnung wie grau auf Gegenstände aller Art, und mit den leichten Modifikationen hell- und dunkelgrau auch auf alle Graunuancen anwenden, be- sitzt das Litauische an Stelle unseres grau vier oder fünf einfache Wörter mit jeweils ganz bestimmtem Geltungsbereich.... Rest- haft finden wir ähnliches auch im Lateinischen und Deutschen: Lat. canus, deutsch blond sind Farbenbezeichnungen, die fast auf einen ganz bestimmten Geltungsbereich beschränkt sind, auf die Haarfarbe²)". Für uns ist grün eine Farbe, die mehr oder weniger abgeschwächt, bzw. so oder so getönt realisiert sein kann. Die griechische Sprache verfügt zwar in xλwpós und πράσivos bzw. γλαυκός und κυάνεος über Wörter für diesen oder jenen Ton von Grün bzw. Blau, aber diese verschiedenen Nuancen werden nicht als die Abschattungen derselben Grund" farbe ge- sehen. Daß man aber den Mangel gewisser unserer Farbbe- - - 99 1) A. Marty: Die Frage nach der geschichtlichen Entwickelung des Farben- sinnes 1879, S. 63. Marty erinnert hier weiter daran, daß,,das Benennen kein völlig zuverlässiger Gradmesser des Klassifizierens ist. Die Sprache ist nicht aus einem Bestreben entstanden, das einsame Denken durch ein paral- leles System von sinnlichen Zeichen zu symbolisieren... Zur Sprachbildung führte bloß das Verlangen nach Mittheilung, und darum wurden auch die Aus- drucksmittel nur so weit ein genauer Abdruck der Gedanken, als es der Zweck der Verständigung unumgänglich erheischte.". - Es ist hier aber nicht der Zweck der Verständigung, der es mit einem Ausdruck für tatsächlich Verschie- denes genug sein läßt. Die Vokabel ist überhaupt kein solches,,Ausdrucks- mittel“. Sondern gerade der Ort, in dem etwas als bestimmt und begriffen aufgehoben ist. 2) Leo Weisgerber, Das Problem der inneren Sprachform (German.- roman. Monatsschr. XIV 1926, S. 241 ff.); cf. auch Ammann, Die menschliche Rede I, 1925, S. 129. 25