In der Mathematik spricht man z. B. von,,Problemen". Sie erwachsen ausschließlich aus dem, was in den Axiomen,,defi- niert" ist. Die Entscheidung hat hier das Besondere, daß sie eine ,,Lösung" ist. Im Gange eines mathematischen Beweises wird etwas vollzogen, was vorher,,unentschieden" war¹). Die Kon- struktion löst hier eine Aufgabe. Und hierbei ist die Wider- spruchsfreiheit nur eine notwendige, aber noch nicht hinreichende Bedingung eines Axiomensystems. Es muß definit²) sein. (Wir verstehen darunter die Forderung, daß in den Axiomen bzw. 1),,Der geometrische Beweis besteht bloß darin, daß man den Nexus, auf dessen Anschauung es ankommt, deutlich heraushebt." (Schopenhauer, Die vierf. Wurzel des Satzes v. zureich. Grunde § 39.) Es wird darin nichts eigentlich,,erschlossen“. Die Axiome sind überhaupt noch nichts, was —, wie ,,Prämissen" - wahr oder falsch sein könnte. Die Axiome der Geometrie, d. i. das Axiomatische, was in den üblichen Axiomen freilich nicht immer heraus- gehoben ist, obgleich es bei deren beweisender Funktion ausschließlich be- nutzt werden kann, enthalten nicht etwa, wie Erdmann sagt, die,,Merkmale des Raumbegriffes". (Die Axiome der Geometrie S. 91.) Die Axiome sind weder Hypothesen", noch,,Postulate". Es ist nicht der Sinn des für die Geometrie von Riemann entscheidenden Axioms, eine Parallele durch einen Punkt zu einer Geraden sei – aus irgend einem Grunde -,,unmöglich". Das könnte freilich nur,,angenommen" werden. Das fragliche Axiom und eben- so das entsprechende von Lobatschewskij enthält nur,,weniger", als in der reinen Anschauung vorgeblich wenigstens - gegeben ist. Daß die Axiome weniger enthalten können, ist merkwürdig genug. Andere Sätze können nicht umhin, das, was sie ausdrücken, ohne Abzug zu,,enthalten“, auch sofern es nicht in die Sphäre der ausdrücklichen Bedeutung gehoben ist. Wir merken an, daß die Geometrie von Lobatschewskij eine gewisse,, Pseudoanschaulich- keit" bewahrt hat. Es ist von vornherein gar nicht einzusehen, warum nur eine Gerade den Anforderungen der Aufgabe genügen soll, die in der Aus- sage des Parallelenaxioms zugrunde gelegt ist. Wir stoßen auf,,Möglichkeiten“, die auch nicht in dem Sinne,,sachlich" sind, daß sie sich sachlich ergänzen können. Entsprechend meint das Parallelenaxiom des Euklid nicht eine vor- geblich in reiner Anschauung einsichtige,,Tatsache". Wären die räumlichen Verhältnisse, so wie sie sind, in den Axiomen einfach,,beschrieben", dann bliebe die Folgerung, d. i. der mathematische Beweis ohne eigentlichen Sinn. Ebenso ist in dem Axiom des Archimedes etwas formuliert, was sicherlich keine Tatsache ist, um deren Anerkennung man nicht herumkommt. Dieses Axiom ist,,einsichtfremd", aber nicht - das wäre eine voreilige Interpretation in dem Sinne, wie Zufälliges, was,,auch anders sein könnte". Wir erinnern ferner an das Axiom, daß eine mathematische Größe sich selbst gleich sei. In der sich-selbst-Gleichheit einer Größe ist etwas formuliert, was über eine ,,Selbstverständlichkeit" gleichsam noch hinausgeht. (Vgl. S. 87.) Beim Ansatz von Axiomen bin ich offenbar jeder Rücksicht darauf entbunden, ob deren Formulierung in irgendeiner Gegebenheit auch nur erfüllt sein kann. 2) Der Begriff der Definitheit ist von Husserl gefunden worden. 99 - 5 65