134 IV. Der Wertgedanke. "^ 3 ;•,*' i -mV !>* V- daß Wertstellungnahmen nicht bloß gegenüber seienden Objekten be- gegnen. Es wurde seinerzeit des Musikers gedacht,^ der auf sein ab- handengekommenes Instrument immer noch Wert legt, freilich leichter, wenn er an der Fortdauer der Existenz des Instrumentes nicht zweifelt, so daß sein Verhältnis dazu dem des Antiquitätensammlers im obigen Beispiel ziemlich nahe steht, indes dem vernichteten Instrumente gegen- über von einem noch fortbestehenden Werte desselben für den Musiker schwer zu reden wäre. Ganz ohne einen das Sein einbeziehenden Vor- behalt aber kann man den Wert von Gegenständen aussagen, die man nicht iu ihrer Vereinzelung, sondern allgemein oder wenigstens unbe- stimmt genug erfaßt. Vom Werte neu ausgegebener Briefmarken konnte im oben beigebrachten Beispiel ganz ohne Rücksicht darauf geredet werden, ob etwa zur Zeit die Ausgabe neuer Marken stattgefunden hat. Und daß für die Stadt ohne neues Krankenhaus „ein solches" großen Wert „hat" und nicht bloß „hätte", ist mindestens keine sinnlose Aussage. Zusammenfassend wird man also behaupten dürfen, daß die Wert- betrachtung zwar jederzeit besonders natürlich am Seienden, namentlich am Existierenden angreift, so daß von einem Wertobjekt als solchem oft genug das Sein thetisch mitprädiziert werden kann, daß dies aber durchaus nicht unter allen Umständen seine Geltung behält. Vielmehr könnte man Werte, deren Objekte existieren, solchen gegenüberstellen, wo die Objekte nicht existieren, immerhin dann auch noch solche bei- fügen, die als innerhalb der Sphäre des Begehrbaren in Betracht kommen und endlich solche, bei denen auch noch der Gesichtspunkt der Begehr- barkeit zurücktritt, so daß ausschließlich Phantasieerlebnisse beim Erfas.^en des Tatbestandes beteiligt sind. Ich habe in diesem Sinne gelegentlich^ Existenz-, Nichtexisteuz-, Begehrtheits- und Phantasiewerte auseinander- gehalten. Die ersten beiden dieser Klassen tragen thetische Konstitutiva an sich, die den beiden letzten fehlen, sodaß jene zugleich höhere Aktualisationsstufen darstellen. Von den zwei letzten, oben als Umgebung und Anlaß namhaft gemachten Momenten ist es nur das erstere, das hier noch einigermaßen in Frage kommt. Namentlich bei Übertragung einer Werthaltung vom Zwecke auf das Mittel, vom Bedingten auf die Bedingung und der- gleichen, wird sich thetische Determination als naheliegend erweisen. Wenn ich etwa auf einen Schlüssel Wert lege, sofern er mir einen Schrank öffnet, der einen mir an sich wertvollen Gegenstand enthält, so mag die Existenz des Schrankes und des wertvollen Gegenstandes darin sich leicht als konstitutiv für den Wert des Schlüssels darstellen. Aber obligatorisch wird solche Einbeziehung schwerlich sein ; mau kann sich ganz wohl den Wert des Schlüssels auf die bloße Fähigkeit zur eventuellen Leistung eingeschränkt denken. Auch die Schwankungen im Werte ökonomischer Güter im Sinne des Grenznutzengesetzes können es nahelegen, die diese Schwankungen bedingende Konstellation als 1 Vgl. oben S. 36. " Vgl. „Ftlr die Psychologie und gegen den Psjchologismus usw.", S. 6. § 4. Beschaffenheit und Position beim Wertobjekt. Faktischer und 135 hypothetischer Wert. Teil des Werttatbestandes aufzufassen, falls es nicht natürlicher erscheint, den Wert als von diesen Umständen zwar abhängig, aber nicht durch sie geradezu mit ausgemacht anzusehen. Es steht zu Unsicherheiten dieser Art in beachtenswertem Kontrast, daß das, was wir unter dem Namen des „Aulasses" den drei anderen Momenten an die Seite gestellt haben, in Betreff seiner thetischen Ein- beziehbarkeit in den Wertgedanken nicht den leisesten Zweifel auf- kommen läßt, indem es eine derartige Einbeziehbarkeit sozusagen a limine ausschließt. Es ergibt sich dies aus einer einfachen Erwägung. Der „Anlaß", den man ja oft auch die „letzte Ursache" genannt hat, kommt natürlich erst zur Geltung, wenn alle übrigen Teilursachen für den in Frage kommenden Erfolg verwirklicht sind: das Gegebensein des „Anlasses" führt also die Existenz der Wirkung unmittelbar mit sich. Die Wirkung wäre in unserem Falle das betreffende Werterlebnis: den Anlaß zum thetischen Konstitutivum des Wertes zu machen, hieße also einfach zum Aktualwertbegriff zurückkehren. Soll also der Wert- gedanke nicht allen potentialen Charakter verlieren, so darf der „Anlaß" in diesen Gedanken nicht eingehen. § 4. Beschaffenheit und Position beim Wertobjekt. Faktischer und hypothetischer Wert. Daß von den drei Momenten, die so nach Ausfall des „Anlasses* noch übrig sind, das Objekt 0, das den Wert hat, und das Subjekt S, für das wertvoll ist, vor allem von Belang sein müssen, versteht sich ; von diesen beiden aber scheint wieder das Wertobjekt an die erste Stelle zu gehören. Solchem Schein gegenüber verdient bemerkt zu werden, daß dem S nun doch etwas wie eine eigenartige Prärogative vor seinem zukommt, wie man aus der Stellung entnehmen kann, die der Wert gemäß dem eben Festgestellten in der Zeit einnimmt. Da nämlich der Wert sich zunächst als eine Art Eigenschaft des Wert- objektes darstellt, könnte man meinen, gegenwärtig, vergangen oder künftig werde ein Wert heißen, sofern er einem gegenwärtigen, ver- gangenen oder künftigen Objekte eigen ist, und zu einer Zeit, da das Objekt nicht existiert, werde auch nicht von Sein des Wertes geredet werden können. In Wahrheit reden wir aber, wie schon wiederholt zu erwähnen war, vom Werte, den vergangene Erlebnisse oder künftige Schicksale für uns haben, als von einem gegenwärtigen Werte für uns. Dagegen sind Werte vergangen oder künftig nur, sofern ihre Subjekte vergangen oder künftig sind : die Wertzeit fällt zusammen mit der Subjektszeit; Werte entstehen und vergehen mit den Subjekten, für die sie Wert sind.^ Belangreicher für die uns jetzt beschäftigenden Aufgaben ist es, daß die drei Momente, die dem Dargelegten zufolge den Wertgedanken gegenüber den Extremen des Aktual- und des Potentialwertbegriflfes zu bestimmen geeignet sind, sich gegenüber dem, was bereits für den 1 Die Ausführungen auf S. 70 der „Psych, eth. Unters, z. Werttheorie" verlangen in diesem Sinne berichtigt zu werden. l-'*'i ^:^i* '%