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 IV. Der Wertgedanke. 
 
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 Bedeutung ist, den unpersönlichen Wert als Eigengegenstand der Urteüs- 
 inhaltsgefühle zu bestimmen. 
 
 Näher kann der Wert also nur in den Bereich des durch Gefühle 
 Präsentierten, das ist in das Gebiet dessen fallen, was ich den durch 
 Denken, respektive Begehren präsentierten Objektiven und Desiderativen 
 unter dem Namen der Dignitative an die Seite gesetzt habe. Tritt hierin 
 eine gewisse Analogie zwischen Objektiv und Wert zutage, so darf es 
 wohl als eine Anerkennung derselben betrachtet werden, daß gelegent- 
 lich der Wert der Existenz gegenübergestellt^ und nun schon von ver- 
 schiedenen Seiten für den Wert die Position einer Art Seitenstückes 
 zum Sein unter dem Namen des Gehens in Anspruch genommen worden 
 ist. Ich mochte nicht unerwähnt lassen, daß, mir diesen Wortgebrauch 
 zu eigen zu machen, zunächst ein nicht ganz unerhebliches Widerstreben 
 meines Sprachgefühles zu überwinden hatte. Ich denke indes dieses 
 Widerstreben, nicht zum geringsten Teile mit Hilfe des Grimm'schen 
 Wörterbuches^, überwunden zu haben und freue mich der dadurch 
 gewonnenen auch äußerlichen Annäherung an die Windelband-Rickertsche 
 Betrachtungsweise, der ich ja, was insbesondere die absolute Natur des 
 (unpersönlichen) Wertes anlangt, heute durchaus stattgeben kann. Daß 
 so dem Dignitativ in igelten- ein charakterisierendes Verbum verfügbar 
 wird, ähnlich wie in „sein" und ..sollen" dem Objektiv und dem 
 Desiderativ, darin kommt die eigenartige Verwandtschaft dieser drei 
 Klassen von Gegenständen höherer Ordnung' in erwünschtester Weise 
 zu ihrem Rechte. Durch den Hinweis auf diese Übereinstimmung ver- 
 suche ich ein Versäumnis früherer Publikationen gut zu machen, bei 
 deren Abfassung mir insbesondere H. Rickerts Abhandlung „Vom Begriff 
 der Philosophie'** unbekannt war, so daß dieses Zusammentreffen von 
 ganz verschiedeneu Ausgangspunkten her nicht ohne allen verifizierenden 
 Belang sein kann. In der genannten Schrift ist auch bereits die grund- 
 legende gegenständliche Verschiedenheit des Wertes von den realen 
 Dingen der Wirklichkeit zu ihrem Rechte gelangt«^: der genannte Forscher 
 ist einer der wenigen, die darauf Bedacht nehmen, daß das Universum 
 m der Gesamtheit des Wirklichen noch lange nicht erschöpft ist» und 
 nur insofern könnte bei ihm die Sonderstellung der Geltung in allzu 
 scharfes Lic ht gerückt sein, als auch schon Sein und Sosein, eben die 
 
 wart« 's^26 ^^- ^*"^^' "^^^ Wertproblem in der Philosophie der Gegen- 
 
 w.«o.fL?^-^^ß \' ^,^*®i'^^' 2. Teil, Sp. 3075 ff., spricht dem Wort« „gelten« 
 wesentlich die Bedeutung „wert sein, Wert haben« zu. Dies bewährt sich fa; am 
 deuüichsten vom Geld, das eben davon seinen Namen erhält, , . . b) auch von 
 Ware und Wertsachen Wertsein, Kosten, . . . c) bildlich ausgedehnt auf Wert- 
 best.mmung von alleriei anderem, auch sittlich, geistig, . . d) daher deich 
 bedeuten, als gleichwertig vertreten, . . . ferner überhaupt vom anerLnnten 
 S fi^^!.^^^'> ^®^ sich auch in Gunst und Ansehen, als Kraft und Wirkung oder 
 ü^influß ändert was in dem vielseitigen »Geltung« zusammengefaßt wird . . « 
 
 ° Vgl. „Über emotionale Präsentation«, S. 105 ff. 
 
 * Logos, Bd. I, 1910, besonders S. 11 ff. 
 
 ^ Vgl. a. a. 0., S. 12. 
 
 6 A. a. 0., S. 13. 
 
 § 7. Der unpersönliche Wert. 
 
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 Objektive Gegenstände sind, die dem Wirklichen nicht minder als etwas 
 toto genere Verschiedenes gegenüberstehen denn die Dignitative und 
 Deöiderative. 
 
 Es würde zu weit führen, wollte ich versuchen, hier zu motivieren 
 warum ich nicht auch den näheren Ausgestaltungen der Windelband- 
 Rickert'schen Aufstellungen hinsichtlich des Verhältnisses dieser drei 
 Gegenstandsklassen zu einander folgen kann. Daß insbesondere Wahr- 
 heit im Werte, respektive im Sollen besteht, ein Objektiv also wahr 
 ist, weil es gilt oder sein soll, und nicht vielmehr gilt und sein soll 
 weil es wahr ist, darin kann ich doch nur eine jener quasi-koperni- 
 kanischen Umkehrungen erblicken, mit denen die Geschichte der Philo- 
 sophie es bereitwilliger als billig versucht hat, das gegenständlich Frühere 
 dort zu finden, wo am Ende doch nur das gegenständlich Spätere anzu- 
 treffen war. Aber auch wer sich in Sachen des „transzendentalen 
 Idealismus« nicht zu binden vermag, wird darin, daß alle Wahrheit 
 »gilt«, eine fundamentale Eigenschaft derselben anerkennen, und zugleich 
 an dieser ersehen, daß „gelten« und „Wert haben« in dem in gegen- 
 wartiger Schrift zunächst gebrauchten und wohl auch zunächst natürlichen 
 Sinn noch keineswegs zusammenfällt, das Anwendungsgebiet des Wortes 
 „gelten« vielmehr ein wesentlich weiteres ist, indem dieses den Gesamt- 
 bereich der Dignitative befaßt. Das Gelten des Wahren weist zuletzt 
 auf logische, das heißt Wissensgefühle, das Gelten des Schönen auf 
 ästhetische Gefühle hin, so daß das .wert sein« einen durch den Hin- 
 weis auf die Wertgefühle zu bestimmenden Spezialtatbestand des Geltens 
 darstellt. Immerhin hat die Verwandtschaft der drei Hauptfälle des Geltens 
 des ästhetischen, logischen und timologischen Geltens die Tendenz zur 
 Folge gehabt, das Wort „Wert« auch in einem weiteren, alle drei Fälle 
 umfassenden Sinne zu gebrauchen, was dadurch noch besonders nahe- 
 gelegt ist, daß vermöge eines kaum noch zurückzuführenden Gesetzes 
 die logische, respektive ästhetische Geltung jederzeit auch einen timo- 
 logischen oder eigentlichen Wert mit sich führt. Man kann also immerhin 
 vom Werte im weiteren neben dem Werte im engeren Sinne^ reden 
 und wird nur zu vermeiden haben, dadurch der Eindeutigkeit des eigent- 
 lichen Wertbegriflfes Abbruch zu tun. 
 
 Kehren wir zur Begriffsbestimmung des unpersönlichen Wertes 
 zurück, so verlangt nun vor allem noch Berücksichtigung, was uns oben« 
 als der Gegensatz zwischen Partial- und Totalwert entgegengetreten ist. 
 Fanden wir schon beim persönlichen Werte prinzipiell allemal wenigstens 
 zwei Werthaltungen auf einmal beteiligt, so scheint nun auch der un- 
 persönliche Wert nicht kurzweg durch eine der in Frage kommenden 
 Werthaltungen präsentiert sein zu können. Noch auffallender ist, daß 
 Sems- und Nichtseinsgefühl sozusagen nach der Richtung des nämlichen 
 Wertergebnisses tendieren, wenn die Gegensätzlichkeit zwischen ihnen 
 nur noch dadurch zum Maximum vergrößert ist, daß sie entgegengesetzte 
 
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 1 Vgl. „über emotionale Präsentation«, S. 178. 
 
 2 Vgl. oben S. 142. 
 
