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 IV. Der Wertgedanke. 
 
 §5. Die Partialwerte nnd der Totalwert. 
 
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 kommen wird, daß die Werthaltung sich von den Teilen auf das Ganze, 
 von den Eigenschaften auf den Träger dieser Eigenschaften überträgt. 
 Nur ist, soweit wir von den Gesetzen solcher Übertragung haben Kenntnis 
 nehmen können,^ nicht abzusehen, wie es bei solcher Übertragung zu 
 einer Subtraktion kommen kann, während es durchaus natürlich erscheinen 
 wird, wenn den gleichsam neu hinzutretenden Eigenschaften auch additiv 
 hinzutretende Werthaltungen (und ihnen dann etwa auch angemessene 
 Werte) entsprechen. 
 
 Wichtiger für den gegenwärtigen Zusammenhang ist indessen, daß 
 die fragliche Erweiterung die, etwa für das Beispiel von der Gesund- 
 heit, charakteristische Eigentümlichkeit zu verwischen droht, die darin 
 besteht, daß es sich da nicht um das Zusammentreffen mehrerer Eigen- 
 schaften, sondern um zwei Werthaltungen handelt, die sich genau auf 
 dasselbe Objekt beziehen, aber dadurch, daß ihnen die entgegengesetzten 
 Objektive zugrunde liegen, in natürliche Gegensätzlichkeit zu einander 
 treten. Es stellt sich hier eben der Seinswerthaltung eines Objektes 
 die Nichtseinswerthaltung desselben Objektes gegenüber, die naturgemäß 
 das entgegengesetzte Vorzeichen aufweist wie jene. Versucht man nun 
 auch hier von den Werthaltungen zum Werte vorzudringen, so hat man 
 natürlich wieder zunächst den Eindruck, daß es sich bei Berücksichtigung 
 der zweiten Werthaltung nur um ein Hinzunehmen zur ersten, also bloß 
 um eine Addition und nicht um eine Subtraktion handeln könne. Nur 
 bringt die Gegensätzlichkeit des einen Vorzeichens es mit sich, daß das 
 additive Verfahren das Gegenteil des Natürlichen zu ergeben scheint. 
 Der negative Wert der mangelnden Gesundheit, mehr kurz als genau 
 ausgedrückt, müßte, wenn zum positiven Wert der vorhandenen Gesund- 
 heit addiert, eine Herabsetzung des Gesamtwertes ergeben, indes die 
 Berücksichtigung des Nichtseins, wie wir gesehen haben, nur auf die 
 Steigerung des resultierenden Wertes führen kann. Hier scheint also 
 Ehrenfels' Differenzformel doch im Rechte zu sein. 
 
 Inzwischen hat ein Dissens darüber, ob Summe oder Differenz, 
 wenig genug auf sich^, wenn die Differenzansicht den Subtrahenden 
 sogleich mit entgegengesetztem Vorzeichen einführt. Dem Versuche 
 Ehrenfels' freilich, den Differenzgedanken seinem „Gesetze der relativen 
 Glücksförderung" zustatten kommen zu lassen,^ steht alles entgegen, 
 was ich an anderem Orte* gegen dieses Gesetz beizubringen hatte. 
 Dagegen bedeutet die ausdrückliche Einbeziehung des Vorzeichens ohne 
 Zweifel einen Fortschritt, der zunächst dem Erfassen der Abhängigkeit 
 des Wertes von der Werthaltung, dann immerhin auch der Allgemein- 
 heit der Aufstellung zugute kommt. 
 
 Natürlich ist es hier insbesondere das erste dieser beiden 
 Momente, das ins Gewicht fällt. Näher lehrt das Beispiel von der 
 
 1 Vgl. oben S. 83 f., 107 ff. 
 
 2 Gegen W. Strich, „Das Wertproblem in der Philosophie der Gegen- 
 wart«, S. 38. ^ B 
 
 8 Vgl. Archiv f. systemat. Philos., Bd. 11, 1896, S. 110 ff. 
 * „Über Annahmen" 2, § 48 ff. 
 
 Gesundheit und seinesgleichen vor allem, daß der Wert nicht etwa nur 
 von der Werthaltung des Seins, so auch nicht nur von der Werthaltung 
 des Nichtsems, sondern sowohl von der Werthaltung des Seins als von 
 der des Nichtseins abhängt. Ferner ist im Grunde ganz selbstverständlich 
 daß das Wertvorzeichen im allgemeinen durch das Werthaltungsvorzeichen 
 bestimmt ist. Im Verlaufe der gegenwärtigen Darlegungen ist sicherlich 
 nirgends ein Zweifel daran aufgetaucht, daß im Falle positiver Wert- 
 ha tung positiver Wert, im Falle negativer Werthaltung oder Unwert- 
 haltung negativer Wert oder Unwert zu gewärtigen sei. Jetzt erkennt 
 man, daß diese Selbstverständlichkeit doch nur die Seinswerthaltung 
 betreffen kann und die Sachlage bei der Nichtseins werthaltung eini 
 entgegengesetzte ist. Nur wenn das Nichtsein mir leid ist, dann bedeutet 
 diese Unwerthaltung etwas wie eine positive Zutat zum positiven Werte. 
 Ebenso wird ein Unwert, den wir uns zunächst auf die Unwerthaltun« 
 eines Seins gegründet denken können, vermöge der (positiven) Wert- 
 haltung des Nichtseins eine Steigerung hinsichtlich seines Betrages 
 erfahren. Dabei stehen die hier in Betracht kommenden Vorzeichen in 
 ganz charakteristischer Relation zu einander. Solcher Vorzeichen gibt es 
 da ja dreierlei : die des Wertes, der Werthaltungen und der zu diesen 
 Werthaltungen gehörigen Voraussetzungsurteile. Nun berührt es ieden 
 der darauf aufmerksam wird, sofort als völlig natürlich, zugleich aber 
 doch als höchst beachtenswert, daß die dreierlei Vorzeichen und ins- 
 besondere Wert-, respektive Werthaltungsvorzeichen einerseits, Urteils- 
 (oder auch Objektiv-)Vorzeichen andererseits miteinander gleichsam 
 ebenso kooperieren wie die arithmetischen Vorzeichen in einer Rechnung 
 indem Unwerthaltung des Nichtseins Wert, Werthaltung des Nichtseins 
 Unwert mit sich führt. 
 
 Dieses Vorzeichen gesetz bewährt sich nun auch, wo die größere 
 A Igememheit der Ehrenfels'schen Betrachtungsweise zur Geltung kommt. 
 Wie erwähnt, weist der Umstand, daß es sich da eventuell um Objekte 
 handelt, an die sich Seins- und Nichtseinswerthaltungen mit überein- 
 stimmendem Vorzeichen knüpfen, auf komplexe Tatbestände hin. Die 
 Komplexität hindert die Vorzeichen in keiner Weise, sich im Sinne der 
 obigen Gesetzmäßigkeit zu betätigen. Aber die sozusagen originäre 
 Relation zwischen Werthaltung und Wert tritt dabei in kein helleres 
 Licht, muß sich vielmehr am besten an den einfachsten Fällen durch- 
 schauen lassen, denjenigen nämlich, wo das Werthaltungs-, respektive 
 Wertobjekt nur als ein Einfaches in Betracht kommt, das dann immer 
 noch zu zweierlei Werthaltungen mit naturgemäß entgegengesetztem 
 Vorzeichen Gelegenheit gibt. & 
 
 Zusammenfassend dürfen wir also behaupten: der Wert geht auch 
 im einfachsten Falle jederzeit sowohl auf Seins-, wie auf Nichtseins- 
 gefuhle zurück und jedes dieser Gefühle steuert zur Größe des 
 resultierenden Wertes prinzipiell eine additive Komponente bei, die diese 
 resultierende Größe nur in zweierlei Sinn beeinflussen kann, je nach 
 dem Vorzeichen, das sich im Sinne der obigen Gesetzmäßigkeit ergibt 
 Jedem als eines sich darstellenden Wertobjekte gegenüber kommt es 
 
