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 IV. Der Wertgedanke. 
 
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 daß Wertstellungnahmen nicht bloß gegenüber seienden Objekten be- 
 gegnen. Es wurde seinerzeit des Musikers gedacht,^ der auf sein ab- 
 handengekommenes Instrument immer noch Wert legt, freilich leichter, 
 wenn er an der Fortdauer der Existenz des Instrumentes nicht zweifelt, 
 so daß sein Verhältnis dazu dem des Antiquitätensammlers im obigen 
 Beispiel ziemlich nahe steht, indes dem vernichteten Instrumente gegen- 
 über von einem noch fortbestehenden Werte desselben für den Musiker 
 schwer zu reden wäre. Ganz ohne einen das Sein einbeziehenden Vor- 
 behalt aber kann man den Wert von Gegenständen aussagen, die man 
 nicht iu ihrer Vereinzelung, sondern allgemein oder wenigstens unbe- 
 stimmt genug erfaßt. Vom Werte neu ausgegebener Briefmarken konnte 
 im oben beigebrachten Beispiel ganz ohne Rücksicht darauf geredet 
 werden, ob etwa zur Zeit die Ausgabe neuer Marken stattgefunden hat. 
 Und daß für die Stadt ohne neues Krankenhaus „ein solches" großen 
 Wert „hat" und nicht bloß „hätte", ist mindestens keine sinnlose Aussage. 
 
 Zusammenfassend wird man also behaupten dürfen, daß die Wert- 
 betrachtung zwar jederzeit besonders natürlich am Seienden, namentlich 
 am Existierenden angreift, so daß von einem Wertobjekt als solchem 
 oft genug das Sein thetisch mitprädiziert werden kann, daß dies aber 
 durchaus nicht unter allen Umständen seine Geltung behält. Vielmehr 
 könnte man Werte, deren Objekte existieren, solchen gegenüberstellen, 
 wo die Objekte nicht existieren, immerhin dann auch noch solche bei- 
 fügen, die als innerhalb der Sphäre des Begehrbaren in Betracht kommen 
 und endlich solche, bei denen auch noch der Gesichtspunkt der Begehr- 
 barkeit zurücktritt, so daß ausschließlich Phantasieerlebnisse beim Erfas.^en 
 des Tatbestandes beteiligt sind. Ich habe in diesem Sinne gelegentlich^ 
 Existenz-, Nichtexisteuz-, Begehrtheits- und Phantasiewerte auseinander- 
 gehalten. Die ersten beiden dieser Klassen tragen thetische Konstitutiva 
 an sich, die den beiden letzten fehlen, sodaß jene zugleich höhere 
 Aktualisationsstufen darstellen. 
 
 Von den zwei letzten, oben als Umgebung und Anlaß namhaft 
 gemachten Momenten ist es nur das erstere, das hier noch einigermaßen 
 in Frage kommt. Namentlich bei Übertragung einer Werthaltung vom 
 Zwecke auf das Mittel, vom Bedingten auf die Bedingung und der- 
 gleichen, wird sich thetische Determination als naheliegend erweisen. 
 Wenn ich etwa auf einen Schlüssel Wert lege, sofern er mir einen 
 Schrank öffnet, der einen mir an sich wertvollen Gegenstand enthält, 
 so mag die Existenz des Schrankes und des wertvollen Gegenstandes 
 darin sich leicht als konstitutiv für den Wert des Schlüssels darstellen. 
 Aber obligatorisch wird solche Einbeziehung schwerlich sein ; mau kann 
 sich ganz wohl den Wert des Schlüssels auf die bloße Fähigkeit zur 
 eventuellen Leistung eingeschränkt denken. Auch die Schwankungen 
 im Werte ökonomischer Güter im Sinne des Grenznutzengesetzes können 
 es nahelegen, die diese Schwankungen bedingende Konstellation als 
 
 1 Vgl. oben S. 36. 
 
 " Vgl. „Ftlr die Psychologie und gegen den Psjchologismus usw.", S. 6. 
 
 § 4. Beschaffenheit und Position beim Wertobjekt. Faktischer und 135 
 
 hypothetischer Wert. 
 
 Teil des Werttatbestandes aufzufassen, falls es nicht natürlicher erscheint, 
 den Wert als von diesen Umständen zwar abhängig, aber nicht durch 
 sie geradezu mit ausgemacht anzusehen. 
 
 Es steht zu Unsicherheiten dieser Art in beachtenswertem Kontrast, 
 daß das, was wir unter dem Namen des „Aulasses" den drei anderen 
 Momenten an die Seite gestellt haben, in Betreff seiner thetischen Ein- 
 beziehbarkeit in den Wertgedanken nicht den leisesten Zweifel auf- 
 kommen läßt, indem es eine derartige Einbeziehbarkeit sozusagen a 
 limine ausschließt. Es ergibt sich dies aus einer einfachen Erwägung. 
 Der „Anlaß", den man ja oft auch die „letzte Ursache" genannt hat, 
 kommt natürlich erst zur Geltung, wenn alle übrigen Teilursachen für 
 den in Frage kommenden Erfolg verwirklicht sind: das Gegebensein 
 des „Anlasses" führt also die Existenz der Wirkung unmittelbar mit 
 sich. Die Wirkung wäre in unserem Falle das betreffende Werterlebnis: 
 den Anlaß zum thetischen Konstitutivum des Wertes zu machen, hieße 
 also einfach zum Aktualwertbegriff zurückkehren. Soll also der Wert- 
 gedanke nicht allen potentialen Charakter verlieren, so darf der „Anlaß" 
 in diesen Gedanken nicht eingehen. 
 
 § 4. Beschaffenheit und Position beim Wertobjekt. Faktischer 
 
 und hypothetischer Wert. 
 
 Daß von den drei Momenten, die so nach Ausfall des „Anlasses* 
 noch übrig sind, das Objekt 0, das den Wert hat, und das Subjekt S, 
 für das wertvoll ist, vor allem von Belang sein müssen, versteht 
 sich ; von diesen beiden aber scheint wieder das Wertobjekt an die erste 
 Stelle zu gehören. Solchem Schein gegenüber verdient bemerkt zu 
 werden, daß dem S nun doch etwas wie eine eigenartige Prärogative 
 vor seinem zukommt, wie man aus der Stellung entnehmen kann, 
 die der Wert gemäß dem eben Festgestellten in der Zeit einnimmt. Da 
 nämlich der Wert sich zunächst als eine Art Eigenschaft des Wert- 
 objektes darstellt, könnte man meinen, gegenwärtig, vergangen oder 
 künftig werde ein Wert heißen, sofern er einem gegenwärtigen, ver- 
 gangenen oder künftigen Objekte eigen ist, und zu einer Zeit, da das 
 Objekt nicht existiert, werde auch nicht von Sein des Wertes geredet 
 werden können. In Wahrheit reden wir aber, wie schon wiederholt zu 
 erwähnen war, vom Werte, den vergangene Erlebnisse oder künftige 
 Schicksale für uns haben, als von einem gegenwärtigen Werte für 
 uns. Dagegen sind Werte vergangen oder künftig nur, sofern ihre 
 Subjekte vergangen oder künftig sind : die Wertzeit fällt zusammen mit 
 der Subjektszeit; Werte entstehen und vergehen mit den Subjekten, für 
 die sie Wert sind.^ 
 
 Belangreicher für die uns jetzt beschäftigenden Aufgaben ist es, 
 daß die drei Momente, die dem Dargelegten zufolge den Wertgedanken 
 gegenüber den Extremen des Aktual- und des Potentialwertbegriflfes zu 
 bestimmen geeignet sind, sich gegenüber dem, was bereits für den 
 
 1 Die Ausführungen auf S. 70 der „Psych, eth. Unters, z. Werttheorie" 
 verlangen in diesem Sinne berichtigt zu werden. 
 
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