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 IV. Der Wertgedanke. 
 
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 Fragen wir nun weiter, zum zweiten Punkte übergehend, inwie- 
 fern die empirisch aufzeigbaren Wertgedanken thetische Determinationen 
 in jeder dieser vier Hinsichten tatsächlich aufweisen, so ist vor allem 
 in Bezug auf das Subjekt zu wiederholen, daß der Gedanke des persön- 
 lichen Wertes zunächst in keinem Falle ohne Subjekt sein Auslangen 
 finden zu können scheint, so daß, wenn einem Objekte Wert nachgesagt 
 wird, der damit behauptete Tatbestand nicht wohl der Existenz des 
 Subjektes entrateu mag. Ein Wert, soweit er Wert für ein bestimmtes 
 Subjekt ist, pflegt zu verschwinden, sobald dieses Subjekt zu existieren 
 aufhört, was natürlich nicht ausschließt, daß das nämliche Objekt für 
 ein anderes, existierendes Subjekt immer noch Wertobjekt bleibt, solange 
 eben wieder dieses Subjekt vorhanden ist. 
 
 Natürlich genügt aber, um ein Werterlebnis zu ermöglichen, ein 
 beliebiges Subjekt nicht, es muß vielmehr in seinen Eigenschaften der 
 Besonderheit des Werterlebuisses, namentlich der des Objektes, aus- 
 reichend augepaßt sein. Näher kann man dabei die emotionale und die 
 intellektuelle Eignung des Subjektes auseinanderhalten, in letzterer Hin- 
 sicht überdies noch relativ bleibende Dispositionen von relativ vorüber- 
 gehenden, übrigens aber ebenfalls noch wesentlich dispositionellen Be- 
 stimmungen unterscheiden. Es darf im allgemeinen vermutet werden, daß, 
 wo man einem Objekte Wert für ein Subjekt zuschreibt, damit nicht nur 
 eben ein Subjekt, sondern auch näher ein in den angegebenen Hinsichten 
 geeignetes Subjekt in Anspruch genommen ist. Die Aktualisieiungsbedin- 
 gung „Subjekt" spezifiziert sich so gewissermaßen in mehrere (nach 
 obigem etwa in drei) Sonderbedingungen, deren sozusagen verbindliche 
 Bedeutung für den Wertgedankeri hier im einzelnen kurz erwogen sei. 
 
 Daß zunächst eine angemessene emotionale Eignung des Subjektes 
 subintelligiert wird, gilt unter normalen Umständen für selbstverständlich 
 und wird leicht bemerklich, wo diese Voraussetzung als unerfüllt ange- 
 sehen werden muß. Wer sich nicht für Mathematik oder Geschichte 
 interessiert, für den hat ein mathematisches oder historisches Werk, auch 
 wenn er es versteht, keinen Wert. Nicht anders steht es mit einem 
 Kunstwerk bei demjenigen, der zur Kunst kein Verhältnis hat; und 
 wer nicht gern Schach spielt oder raucht, für den hat Schachbrett oder 
 Rauchzeug ebenfalls keinen Wert. Dennoch hat, was so weitaus die 
 Regel ist, Ausnahmen: auf das, was das Kind in der Schule lernt, 
 pflegt es meist recht wenig Wert zu legen und manifestiert so seine 
 zunächst emotionale Unfähigkeit zu den betreffenden Werterlebnissen; 
 dennoch hält man sich im ganzen für berechtigt, dem Schulunterricht 
 Wert beizumessen, vielleicht nicht nur, aber doch jedenfalls auch, ja 
 in erster Linie für das Schulkind als Subjekt. Auch bei emotionalen 
 Anomalien wird Analoges zu konstatieren sein. 
 
 Hinsichtlich der intellektuellen Veranlagung, das Wort ^intellek- 
 tuell* so weit verstanden, als man in der Psychologie irgendwie von 
 , Geistesleben* im Gegensatz zu , Gemütsleben* reden mag,^ ist die 
 
 * Vgl. „Über emotionale Präsentation", S. 3, Anm. 
 
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 §3. Die Aktualitätsbedingungen. Seins- and Nichtsemswerte. 131 
 
 Sachlage im wesentlichen ohne Zweifel die nämliche. Bei den verifizieren- 
 den Ausfallstatsachen ist es sogar nicht immer leicht, den Anteil intellek- 
 tueller von dem emotionaler Dispositionen reinlich zu sondern. Aber 
 wenn Musik für den Tauben, Gemälde oder Photographie für den Blinden 
 keinen Wert hat, so fehlt jeder Anlaß, das noch einem anderen Moment 
 als eben dem Sinnesdefekt zuzuschreiben. Dagegen werden für das 
 jugendliche oder pathologische Subjekt Werte genug namhaft zu machen 
 sem, bei denen die intellektuelle Unfähigkeit mindestens mit der emotio- 
 nalen konkurriert, ohne darum dem, was vorliegt, den Charakter -des von 
 jedem Urteilsfähigen anerkannten Werttatbestandes nehmen zu können. 
 Der vergleichsweise dauernden intellektuellen Veranlagung steht 
 als ebenfalls dispositionelles, aber doch vergleichsweise variables Moment 
 der Wissenszustand des Subjektes, seine Orientiertheit hinsichtlich des 
 anfälligen Objektes der Werterlebnisse zur Seite. Und wirklich spielt 
 auch diese Orientiertheit nicht selten die Rolle des unerläßlichen Wert- 
 erfordernisses. Dem entspricht es, daß etwa eine Auszeichnung, die 
 einem Ehrgeizigen zuteil geworden ist, für diesen keinen Wert hat, 
 so lange er nichts davon weiß. Auch wenn mein Freund zur Zeit, da 
 ich ihn fern glaube, mit mir in derselben Stadt weilt, wird dies nicht 
 leicht für mich Wert haben. Schwieriger mögen die Dinge schon hin- 
 sichtlich eines Schatzes stehen, der auf einem Grunde vergraben liegt, 
 dessen Besitzer davon keine Kenntnis hat. Und wenn der A einen Autor 
 herausgibt, sein Freund B aber eine für die Kenntnis des Autors grund- 
 legende Handschrift entdeckt, so wird B wohl sagen dürfen, die Hand- 
 schrift sei für A wertvoll, auch schon ehe er den A über seinen Fund 
 unterrichtet hat Ganz zweifellos wertvoll aber ist eine Ventilations- 
 vomchtung für denjenigen, der, ohne von ihr zu wissen, vermöge ihrer 
 Funktion, während er schläft, vor einer Vergiftung durch ausströmendes 
 Leuchtgas bewahrt wird. Es würde zu weit führen, sollte an dieser 
 Stelle versucht werden, den Gründen für solche Verschiedenbehandlung 
 nachzugehen. Daß aber hier in Bezug auf das, was in den Wertgedanken 
 thetisch einbezogen wird, sich weitaus erheblichere Schwankungen geltend 
 machen, als bei den beiden vorher betrachteten Tatsachengruppen, scheint 
 aus den beigebrachten Beispielen unmittelbar zu erhellen. 
 
 Nun greift aber dieses Schwanken von der besonderen Beschaffen- 
 heit des Subjektes auch noch geradezu auf dessen Dasein über, sofern 
 dieses unbeschadet des oben konstatierten ersten Anscheines doch nicht 
 für alle Werttatbestände schlechthin unerläßlich ist. Daß neu aufgelegte 
 Briefmarken für Markensammler besonderen Wert haben, darf man mit 
 Recht behaupten, auch wenn man damit durchaus nicht sasen will, daJJ 
 eine solche Neuausgabe tatsächlich erfolgt sei, oder daß tatsächlich 
 Markensammler vorhanden seien, denen sie zustatten kommt. Ähnliches 
 wird oft genug auch sonst zu konstatieren sein, wo der betreffende Wert 
 nicht auf ein bestimmtes Individuum bezogen ist, insofern also, etwas 
 ungenau ausgedrückt, ein universeUes Subjekt hat. Wer, wie das heute 
 doch die Regel ist, ethische Werte persönlich genug versteht, um sich 
 der Frage nach einem ethischen Wertsubjekt nicht für überhoben zu 
 
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