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 IV. Der Wertgedsnke. 
 
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 Vorhandensein des Gewichtes auch Bedingung der Möglichkeit des 
 Gehens. Für die Praxis wird damit in der Tat kein nennenswerter 
 Fehler begangen sein ; die Theorie der Möglichkeit jedoch kann nicht 
 zugeben, daß ein Gegenstand durch Determination eine Möglichkeit 
 gewinne, die ihm ohne diese Determination fehlt. Ist der Gegenstand „Uhr 
 mit Gewicht" Träger einer Möglichkeit, dann kann der Gegenstand 
 alJhr" ohne diese Determination nicht wohl derselben Möglichkeit ent- 
 raten. Man wendet vielleicht ein : daß die Uhr ohne Gewicht nicht gehen 
 könne, stehe doch außer Zweifel; damit* sei die eben in Anspruch 
 genommene Gleichgültigkeit der Möglichkeit gegenüber dem Übergang 
 vom vollständigeren zum unvollständigeren Gegenstande widerlegt. Aber 
 in Wahrheit ist, „ohne Gewicht zu sein* nicht der Mangel an einer 
 Bestimmung, sondern selbst eine, wenn auch eine negative Bestimmung. 
 Man hat es also streng genommen mit dreierlei (unvollständigen) Gegen- 
 ständen zu tun, den Gegenständen „Uhr", „Uhr mit Gewicht* und „Uhr 
 ohne Gewicht". Dem letzten dieser Gegenstände fehlt die Möglichkeit, 
 zu gehen; der „Uhr mit Gewicht" kommt sie allerdings zu; aber dem 
 Gegenstand „Uhr* kurzweg, obwohl oder eigentlich, weil er unvoll- 
 ständiger ist als die beiden anderen, kommt diese Möglichkeit ebenfalls 
 zu, zunächst sofern vom Träger der Möglichkeit die Rede ist. Wird 
 dann vom Träger zu einer konkreten Uhr als Repräsentanten^ der Möglich- 
 keit übergegangen, so ist natürlich auch ihr „als Uhr" in derselben Weise 
 eine „angewandte Möglichkeit*^ zuzusprechen. In keinem Falle ist also 
 das Vorhandensein des Gewichtes Bedingung dafür, daß dem Gegenstande 
 „Uhr" ohne weitere Bestimmung die Möglichkeit, zu gehen, zukommt. 
 Und in gleicher Weise ist auch die Möglichkeit eines Objektes, Gegen- 
 stand eines Werterlebnisses zu sein, in keiner Weise von der Existenz 
 eines Subjektes abhängig, eben darum aber durch diese Existenz auch 
 nicht zeitlich beschränkt. 
 
 Zeigt sieh nun aber ferner im Gegensatze zu solcher Möglichkeit 
 der Wert, soweit er persönlicher Wert ist, oft in ganz unverkennbarer 
 Weise an die Existenz eines Subjektes gebunden, so wird es nun 
 besonders klar sein, daß hierzu der Potentialwertbegriff in seiner Rein- 
 heit nicht ausreicht, daß er vielmehr durch Aufnahme aktueller Momente 
 ergänzt werden muß, zunächst mindestens eines Momentes, in dem das 
 Subjekt des im Hinblick auf dieses persönlich genannten Wertes zu 
 seinem Rechte kommt, [^ß] In welcher Weise wird nun aber etwas 
 derartiges in den zu bildenden Wertbegriff aufzunehmen sein? 
 
 § 2. Aktualisierung. Thetische und athetische Prädikationen. 
 
 Die Antwort ist unschwer zu finden, wenn man eine Eigentümlich- 
 keit mancher Prädikationen in Betracht zieht, auf die ich bereits in 
 anderem Zusammenhange^ vorübergehend hingewiesen habe. Wird einem 
 
 ^ Über den Begriff des Repräsentanten einer Möglichkeit vgl. „Über Mög- 
 Uchkeit nnd Wahrscheinlichkeit", S. 229. 
 2 Vgl. a. a. 0., S. 225. 
 8 Vgl „Über Möglichkeit nnd Wahrscheinlichkeit", S, 533 ff. 
 
 § 2. Aktnalisiemng. Thetische und athetische Prädikationen. 127 
 
 Gegenstande A ein Prädikativ^ B zu-, respektive abgesprochen, so kann 
 es fürs erste selbstverständlich scheinen, daß man es da ausschließlich 
 mit Angelegenheiten des Soseins zu tun hat. Wirklich wird es damit 
 nicht anders bewandt sein, wenn man zum Beispiel dem gleichseitigen 
 Dreiecke die Gleichwinkligkeit nachsagt. Das scheint gat se b^^ v^^^^^ 
 
 m1 ^. ^^'-^'l.?''^^"'^^ '^ integrierendes Bestandstück am 
 Material des Soseinsobjektivs ausmacht. Um so auffallender ist die Tat- 
 
 Sache, daß es nun doch auch Prädikationen gibt, bei denen dem Sein 
 
 Zri ''..^''..^T^?f "''°" ^^°^ charakteristische Rolle zufällt! 
 Handelt es sich namhch bei der Prädikation um eine Relation zwischen 
 
 als^ If^^f'^^.^'l^^^^^ und einem.anderen Gegenstande, ist 
 
 also das Prädikativ ein Relativum, dann kann das Sein jenes anderen 
 Gegenstandes ganz wohl in den Sinn der Prädikation mit aufgenommen 
 
 Gpr^-niL r/ ''' ^^ Kausalbehauptungen: von gewissen leisen 
 Gerauschempfindungen konnte man während des Novembers 1916 in 
 
 vif! '^f °' 1 1^ r'^"" ^"''^ Kanonenschüsse auf dem italienischen 
 Kriegsschauplatze hervorgerufen worden. Dabei war, Wirkung zu sein 
 gewiß zunächst Sache des Soseins; aber die Wirklichkeit der betreffenden 
 Kanonenschusse gehört sicher integrierend zum Sinn einer solchen 
 Behauptung. Noch näher steht es unseren gegenwärtigen Interessen, wenn 
 man jemanden als Nachbar, als Zeitgenossen, als Vereinsmitglied, 
 Amtsvorstand bezeichnet, ihm Macht, Einfluß zuschreibt und dergleichen 
 Napoleon hatte auf St. Helena keine Macht, obwohl ihm, für sich allein 
 betrachtet, Autorität daselbst sicher nicht weniger eigen war als vorher 
 m Fans. Das laßt erkennen, wie im Gedanken der Macht nicht nur 
 eme Eigenschaft des als mächtig Bezeichneten enthalten ist. sondern 
 der Gedanke an die Existenz von Menschen mitspielt, an denen diese 
 Macht zu rage tritt. Auch Zeitgenosse ist man nur, wenn zur nämlichen 
 Zeit noch jemand anderer lebt; ebenso ist man Amtsvorstand nur, wenn 
 auch em Amt da ist, dem man vorsteht, und so fort. Allgemein also : es gibt 
 Pradikationen, die unbeschadet des darin zunächst zur Geltung kommenden 
 Sosems doch auch ganz wesentlich ein Sein in sich schließen. Man 
 konnte sie vielleicht thetische Prädikationen nennen und ihnen diejenigen 
 bei denen em Dasein oder sonst ein Sein unbeteiligt ist, als athetische 
 gegenüberstellen. Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß unter den 
 Gesichtspunkt des Athetischen nicht etwa bloß völlig daseinsfreie Auf- 
 stellungen wie etwa die der Mathematik, sondern nicht minder Urteile 
 emzdbeziehen sind, wo es sich zwar um daseiende Subjekte handelt, 
 die Pradikation aber über Soseinsbestimmungen an diesem Daseienden 
 nicüt auch noch zu einem anderen Existierenden hinausgeht. 
 
 Das hier Ausgeführte auf den Wert anzuwenden, erscheint durch 
 den Umstand nahegelegt, daß man es ja auch bei diesem, soweit er 
 persönlicher Wert ist, mit etwas Relativem, nämlich zur Person des 
 Wertsubjektes Relativem, zu tun hat. Aber ausgeschlossen ist am Ende 
 auch eine th etische Prädikation nicht, die sozusagen jenseits der Rela- 
 
 1 A. a. 0., S. 127. 
 
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