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 IV. Der Wertgedanke. 
 
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 an anderem Orte^ darauf hinzuweisen, wie häufig dies tatsächlich der 
 Fall ist. Viele Dioge haben Wert für mich, an die ich zur Zeit gar 
 nicht denke, viele auch, an die ich vielleicht denke, bei denen ich aber 
 gerade um die Eigenschaft derselben nicht weiß, die ihren Wert für 
 mich begründet. Sehr wohl können ferner Mängel in der intellektuellen 
 und eventuell auch in der emotionalen Veranlagung ein Subjekt an der 
 Wertstellungnahme gegenüber einem Objekte hindern, das gleichwohl 
 Wertobjekt für das Subjekt bleibt. 
 
 Daß überdies bei solcher Auffassung der W^rt in betreff seiner 
 Beständigkeit oder Vergänglichkeit ganz ebenso der Beständigkeit, 
 respektive Vergänglichkeit der Werterlebnisse folgen müßte, als wenn 
 er mit den Erlebnissen kurzweg identisch wäre, versteht sich. Immer- 
 hin wird auch rasche Vergänglichkeit dem Wesen des Wertes nicht 
 kurzweg entgegen sein, vielmehr mit der Vergänglichkeit der den 
 Wert begründenden Momente eventuell ganz wohl im Einklang stehen 
 können. Andererseits aber wird etwas wie eine Tendenz zur Konstanz 
 dem Werte kaum abzusprechen sein^, die dem fließenden Charakter 
 unserer inneren Erlebnisse im allgemeinen ganz und gar nicht gemäß 
 ist. Eine weitere Schwierigkeit könnte darin zu liegen scheinen, daß 
 vermöge der Mehrheit der Werterlebnisse demselben Objekt entweder 
 gleichzeitig oder doch innerhalb recht enger Zeitgrenzen nicht nur ein 
 einziger sehr vergänglicher Wert, sondern solcher Werte mehrere zu- 
 kommen müßten. Näher besehen, ist hieran nun freilich beim persön- 
 lichen Werte nur mit Unrecht Anstoß zu nehmen, da bei diesem mit 
 der Eventualität mehr als eines Wertsubjektes und daher auch mehr als 
 eines Wertes an einem und demselben Objekt durchaus gerechnet werden 
 muß. Aber auch so wird man nach Obigem über die Unhaltbarkeit der 
 in Erwägung stehenden Wertkonzeption außer jedem Zweifel sein. 
 Nun scheint aber diese Konzeption leicht genug eine Korrektur 
 dahin erfahren zu können, daß man an die Stelle der wirklichen die 
 möglichen Werterlebnisse setzt und so vom Aktual wertbegriff zu etwas 
 übergeht, was man ganz wohl den Potentialwertbegriff nennen kann. 
 Wert käme dann einem Objekte zu, sofern es das Objekt möglicher 
 Werterlebnisse ausmacht. Ein Wert in diesem Sinne braucht an der 
 Vergänglichkeit der wirklichen Werterlebnisse nicht zu partizipieren und 
 die am Subjekt sozusagen zufällig auftretenden Defekte und Anomalien 
 werden, wo es nur auf die Möglichkeiten ankommt, nichts verschlagen; 
 von der hier immer noch bestehenden Schwierigkeit hinsichtlich irriger 
 Werterlebnisse aber mag abzusehen sein, falls auch sonst keine Deutung 
 des Gedankens persönlichen Wertes davon frei zu machen ist, so daß 
 hierauf besser erst zurückzugreifen sein wird, wo es nicht mehr auf 
 die Beschreibung, sondern auf die Legitimierung dieses Gedankens an- 
 zukommen hat. 
 
 § 1. Aktual- und Potentialwertbegriff. 
 
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 ^ „Psych, eth. Unters, z. Werttheorie", S. 24 f. 
 Dies die gesunde Grundlage der sonst, soviel ich sehe, doch recht an- 
 greifbaren Konzeptionen F. Kruegers in „Der Begriff des absolut Wertvollen 
 als Orrondbegnff der Moralphilosophie", Leipzig lb98 
 
 Um so nachdrücklicher dürfte dagegen ein anderer Umstand gegen 
 den in Rede stehenden Bestimmungsversuch Zeugnis ablegen. Den 
 Gedanken, Wert habe ein Objekt, sofern es Objekt eines aktueUen 
 Werterlebnisses ist, haben wir aufgeben müssen, weil dadurch jede 
 Konstanz an Werten in Frage gestellt wäre. Umgekehrt wird die 
 Berufung auf die bloß möglichen Werterlebnisse für unzureichend zu 
 gelten haben, sofern dadurch jede Vergänglichkeit bei Werten aus- 
 geschlossen ist. Denn Möglichkeit, mag sie apriorisch oder empirisch 
 erkennbar sein, hängt nur an der Beschaffenheit ihres Trägers», nicht 
 aber an einer Zeit, in der sie entstehen oder vergehen könnte. Dagegen 
 zeigt sich der Wert durch die Zeit keineswegs unberiihrt; insbesondere 
 scheint er vergehen zu müssen, sobald das Wertsubjekt zu existieren 
 aufhört. Von Geräten etwa, die einem ausgestorbenen Kult dienten, sagt 
 man unbedenklich, sie hätten keinen Wert mehr. Auch jeder einzelne 
 umgibt sich im Laufe seines Lebens mit vielerlei Dingen, die so sehr 
 seinen besonderen Bedürfnissen angepaßt sind, daß mit seinem Leben 
 auch ihr Wert eriischt. Soweit es sich aber um die bloße Möglichkeit 
 handelt, für Werteriebnisse ein Objekt abzugeben, ist diese dadurch, 
 daß die betreffenden Dinge solche Objekte tatsächlich ausgemacht haben,* 
 aufs beste gewährleistet; sie wird durch jenes Eriöschen nicht mit- 
 betroffen und es kann keine Zeit geben, in der diese Möglichkeit, so- 
 weit dabei nur das Objekt nach seiner Beschaffenheit in Betracht 
 kommt, nicht zu Recht bestünde. Auch der Wert müßte dauern, wenn 
 er durch nichts als durch diese Möglichkeit konstituiert würde. 
 
 Aber ist, die Frage kann hier nicht unaufgeworfen bleiben, die 
 Vergänglichkeit an den Werten wirklich ein stringentes Argument gegen 
 den Potential wertbegriff? Daß der Wert mit dem Wertsubjekt vergeht, 
 das deutet, so könnte man sagen, nur darauf hin, daß ein Wert ohne 
 Wertsubjekt eben unmöglich ist. Existiert das Wertsubjekt nicht, dann 
 fehlt dem Objekt auch die Möglichkeit, wertgehalten oder sonst zum 
 Objekt eines Werteriebnisses dieses Subjektes gemacht zu werden: Wert 
 und Möglichkeit gehen also auch für den Fall des Nichtseins ganz im 
 Sinne des Potential wertbegriffes Hand in Hand. Inzwischen begeht, wer 
 so denkt, einen Irrtum, zu dessen Aufdeckung ein etwas genaueres Achten 
 auf das Wesen der Möglichkeit unentbehriich, aber auch ausreichend 
 ist. Es kommt dabei darauf an, eine Bedingung tatsächlicher Existenz 
 nicht für eine Bedingung der Möglichkeit zu halten, eine Forderung, 
 die zunächst an einem indifferenten Beispiel leicht klar zu machen ist. 
 Von einer Pendeluhr darf man mit Recht sagen, daß sie unmög- 
 lich gehen könne, falls ihr das treibende Gewicht fehlt; man schließt 
 daraus in natüriichster Weise, daß das Vorhandensein des Gewichtes eine 
 Bedingung für das Gehen der Uhr, genauer also für deren wirkliches 
 Gehen ausmacht. Nun scheint man zunächst ebenso gut auch sagen zu 
 können: weil ohne Gewicht das Gehen unmöglich ist, deshalb ist das 
 
 „ A w iF^®; ?®i^ ?.^^P^ ^®^ Trägers einer Möglichkeit vgl. „Über Möglichkeit 
 und Wahrscheinlichkeit", S. 218. 
 
 i. 
 
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