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 m. Weiteres zur Wertpsychologie. 
 
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 haltung andererseits noch ein zum Zustandekommen des Werterlebnisses 
 unerläßliches weiteres Voraussetzungserlebnis einschiebt, zur Haupt- 
 voraussetzung also eine Nebenvoraussetzung hinzutritt, so muß nun noch 
 konstatiert werden, daß diese Nebenvoraussetzung nicht nur in der 
 Gestalt des Urteils „0 hat Wert« auftreten kann. Es war im voran- 
 gehenden wiederholt von der Werthaltung des warmen Ofens die Rede, 
 die auf die lustvolle Temperaturempfindung gegründet ist, die er im' 
 Winter erweckt. Hier tritt als Nebenvoraussetzung, wenn man sich mit 
 einigermaßen schematischer Andeutung zufrieden gibt, das Urteil auf: 
 ,0 erweckt Lust". Die Lust kann dabei zur Zeit des Werthaltens ganz 
 wohl aktuell vorhanden sein und der Werthaltung sogar besondere Leb- 
 haftigkeit verleihen, aber auf das intellektuelle Erfassen der Lust wird 
 wohl in keinem Falle zu verzichten sein, wo neben der Lust noch von 
 emem Wertgefühl soll geredet werden dürfen ;i man hat es hier also 
 durchaus mit einem Seitenstück zu dem Urteile „O hat Wert" zu tun. 
 Die Lust oder natürlich auch Unlust, auf die solch ein Nebenurteil sich 
 bezieht, braucht, wie kaum bemerkt zu werden erforderlich ist, nicht 
 etwa eine sinnliche zu sein. Der Wert, den man einem Kunstwerke 
 beimißt, geht in ganz natürlicher Weise auf das Gefühl des Gefallens 
 zurück, das das Kunstwerk erregt, wobei man nur, obwohl es oft genug 
 geschieht, das so zustandekommende Wertgefühl nicht selbst für das 
 ästhetische Gefühl nehmen darf und ebenso wenig umgekehrt. In gleicher 
 Weise pflegt man ein Buch um des Interesses willen wertzuhalten, das 
 sem Inhalt wachruft, indes der vierte Analogiefall, vermöge dessen an 
 Stelle des sinnlichen, ästhetischen oder Wissensgefühles nun auch ein 
 Wertgefühl treten kann (so daß das Nebenurteil etwa die Form erhält : 
 „O wird wertgehalten", oder „kann wertgehalten werden" oder der- 
 gleichen), wieder auf die im vorigen Paragraphen betrachteten Fälle von 
 Werthaltungsvermittlung zurückführt oder wohl auch die Werthaltung, 
 die analogerweise vermöge dieser Nebenvoraussetzung zu resultieren 
 hatte, bereits vorwegnimmt. Auf alle Fälle ist also keine der Gefühls- 
 klassen aus dem Bereiche dessen auszuschließen, was an Gefühlen 
 intellektuell herangezogen werden kann, um zu einer Nebenvoraus- 
 setzung für Werthaltungen zu führen. Von Übertragung kann aber natür- 
 lich auch bei solchen Vermittlungen nicht die Rede sein, wenn wir nach 
 wie vor den Ausdruck , Übertragung" dem Übergang von einem Wert- 
 tatbestand auf einen anderen vorbehalten. 
 
 Dagegen ist in den hier maßgebenden Nebenvoraussetzungen ebenso- 
 wemg wie bei den für die Werthaltungsübertragung maßgebenden das 
 emotionale Gebiet hinsichtlich dessen, worüber da geurteilt wird, ver- 
 lassen. Das verdient zunächst Beachtung mit Rücksicht auf Vermittlungen, 
 bei denen die Nebenvoraussetzung in das emotionale Gebiet nicht mehr 
 hereinreicht, indem da normaler Weise überhaupt nicht von Erlebnissen 
 sondern von Momenten am wertzuhaltenden Objekte selbst die Rede ist! 
 Ich lege auf mein Taschenmesser Wert, weü es scharf ist, oder allgemein: 
 
 1 Vgl. A. Messer, „Psychologie", Stuttgart n. Berlin 1914, S. 308. 
 
 § 5. Pathogene Werthaltungen. Unvermittelte Werthaltungen. 12 1 
 
 ich lege auf das Objekt 0' Wert, weil es ein gewisses Moment 0" an 
 sich hat. Das kann natürlich leicht ein Fall der bereits behandelten 
 Werthaltungsübertragung sein, falls damit nicht von vornherein nur 
 gemeint ist, daß 0' eine Hüllenbestimmung, 0" dagegen eine Kern- 
 bestimmung darstellt. Sehe ich aber recht, so gibt es doch auch noch 
 den dritten Fall, daß 0' wirklich das Objekt der resultierenden Wert- 
 haltung ausmacht, diese aber doch nicht auf eine besondere Werthaltung 
 des 0" und auf die Erkenntnis dieser Werthaltung als Voraussetzung 
 gegründet ist. Immerhin verrät die Umständlichkeit und Unsicherheit der 
 Darlegung, daß man es hier offenbar mit der am wenigsten wichtigen 
 Klasse von Werthaltungsvermittlungen zu tun hat. Dagegen hat man, 
 wie sich sogleich zeigen wird, sehr guten Grund, die Vermittlungen, 
 bei deren Nebenvoraussetzungen es in der angegebenen Weise emotional 
 zugeht, in ihrer Eigenartigkeit festzuhalten. Ich versuche dies durch 
 besondere Benennung zu tun, indem ich Vermittlungen dieser Art als 
 pathogene Werthaltungsvermittlungen den sich rein intellektuell charak- 
 terisierenden als apathogenen Werthaltungen gegenüberstelle. 
 
 Was nun nämlich dem Pathogenen seine Wichtigkeit verleiht, das 
 ist sein Gegensatz zum Apathogenen nicht innerhalb, sondern außerhalb 
 des Gebietes der Werthaltungsvermittlung. Hier ist nämlich der Ort, 
 nochmals besonders nachdrücklich darauf hinzuweisen, daß uns bereit» 
 an verschiedenen Stellen der vorangegangenen Untersuchungen, ins- 
 besondere auch bei der Erwägung des Gedankens der doppelten Stellung- 
 nahme* Werthaltungen begegnet sind, die außer der Gegenstaudsvoraus- 
 setzung nichts mehr aufweisen, was auf die Funktion einer Voraussetzung 
 Anspruch erheben könnte, so daß man da eben nur von unvermittelten 
 Werthaltungen reden darf. Die Unvermitteltheit besteht natürlich auch 
 durchaus zu Recht, wenn die betreffende Werthaltung durch Ableitung^ 
 aus ursprünglich vermittelten Werthaltungen hervorgegangen sein sollte ; 
 ihre Entstehungsgeschichte kann ja an der Tatsache nichts ändern, daß 
 gegenwärtig zwischen Gegenstandsvoraussetzung und Werthaltung nichts 
 Vermittelndes inmitten liegt. Unvermittelte Werthaltungen: wie immer 
 sie sonst beschaffen sein mögen, treten dann mit den bloß intellektuell 
 vermittelten zwanglos unter den Gesichtspunkt der apathogenen Wert- 
 haltungen zusammen, solcher Werthaltungeu also, denen als emotional 
 letzten Tatbeständen eine sehr markante Stellung zukommt. Ganz deutlich 
 ist dabei der Ausdruck „apathogen" leider nicht, indem er geradezu 
 auf die „Genesis" hinzuweisen scheinen könnte, so daß dann abgeleitete 
 Werthaltungeu, da sie eben aus anderen Werthaltungen herrühren, gerade 
 als „pathogen" bezeichnet werden müßten, was bei der Konzeption des 
 Terminus nicht intentioniert ist. Will man indes in dieser Hinsicht 
 besonders genau sein, so kann man etwa „essentiell Apathogenes" von 
 „temporär Apathogenem" unterscheiden: essentiell apathogen können 
 dann eben nur ursprüngliche Werthaltungen, die emotional unvermittelt 
 
 1 Vgl. oben S. 74. 
 
 2 Vgl. oben S. 101. 
 
