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 III. Weiteres zar Wertpsychologie. 
 
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 nalen Präsentation Gebrauch zu machen, den ich bereits an anderem 
 Orte* exponiert habe und auf den ich auch noch im Fortgange der 
 gegenwärtigen Untersuchungen eingehend genug zurückkommen muß 
 um hier auf eine nähere Darlegung verzichten zu können. Dagegen muß 
 ich schon hier eine Gegensätzlichkeit begrifflich formulieren, die speziell 
 das Erfassen mittels Partialpräsentation^ zum einen Gliede hat. Ich kann 
 eine gewisse Farbe erfassen, indem ich sie empfinde : der Empfindungs- 
 gegenstand ist mir hier durch Partialpräsentation gegeben. Ich kann 
 die Farbe aber auch erfassen als dasjenige, was mein Empfindun^s- 
 erlebnis wachruft: das Erlebnis funktioniert hier totalpräsentierend. Der 
 erste Fall ist ein Tatbestand direkten, der zweite einer indirekten Er- 
 fassens^, wobei beachtenswert bleibt, daß solch indirektes Erfassen an 
 sich durchaus nicht auf ein Erlebnis als Beziehungspunkt angewiesen 
 zu sein braucht. Um so mehr verdient der Fall, wo sich das indirekte 
 Erfassen eines Erlebnisses bedient, das durch Partialpräsentation für 
 das direkte Erfassen des betreffenden Gegenstandes aufzukommen im- 
 stande wäre, begrifflich und terminologisch ausgezeichnet zu werden. 
 Ich will ein solches Erfassen, bei dem man hinter das sich als nächst- 
 liegender Präsentant (genauer Partial Präsentant) zur Verfügung stellende 
 Erlebnis auf dessen Voraussetzung (in der Regel wohl dessen Ursache) 
 gleichsam zurückweicht, als „rezessive" Betrachtungsweise bezeichnen 
 und ihr im Bedarfsfalle die direkte auch als „irrezessive" gegenüber- 
 stellen. Erfasse ich, um auf mein altes Paradigma zurückzukommen, 
 das „schön" in „der Himmel ist schön" analog wie normaler Weise 
 „blau" in „der Himmel ist blau", so liegt irrezessive Betrachtungsweise 
 vor; rezessive dagegen, wenn ich den Sinn des Wortes „schön" erfasse 
 etwa als die Eignung, in mir das Gefühl des Wohlgefallens zu erregen. 
 Daß auch das Wertprädikat in „0 hat Wert" in analoger Weise rezessiv 
 oder irrezessiv erfaßt werden kann, ist ohne weiteres einleuchtend. 
 Dies vorausgesetzt, versteht sich natürlich, daß beim rezessiven 
 Erfassen die ausdrückliche Einbeziehung des erfassenden Subjektes ganz 
 anders nahegelegt ist, als beim irrezessiven. Erfasse ich irrezessiv „0 
 hat Wert" und glaube ich daran, dann ist das hierdurch vermittelte 
 Werthalten des seitens des urteilenden Subjektes nahezu selbstver- 
 ständlich. Erfasse ich dagegen den Wert des rezessiv, so macht sich 
 eine Unbestimmtheit hinsichtlich des erfassenden Subjektes sofort als 
 Mangel fühlbar, und nur, wenn ich selbst als Träger des Werthaltungs- 
 erlebnisses fungiere, ist der Übergang zur vermittelten Werthaltung des 
 ebenso selbstverständlich wie beim irrezessiven Erfassen. Ich kann 
 aber auch betrachten als etwas, das nicht in mir, sondern in diesem 
 oder jenem anderen ein Wertgefühl wachruft. Ist dann in gleicher 
 Weise selbstverständlich oder wenigstens erweislich, daß auch 
 von mir wertgehalten wird oder doch vernünftigerweise wertgehalten 
 werden sollte? 
 
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 1 In „Über emotionale Präsentation", S. 26 ff. 
 
 2 Vgl. „Über emotionale Präsentation", S. 27 fP. 
 
 3 Über diesen Gegensatz vgl. „Über Annahmen", 2. AufL, S. 284. 
 
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 § 4. Übertragung und Vermittlung bei Werthaltungen. 
 
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 Daß eine solche Werthaltung seitens des Ego allemal tatsächlich 
 vorkäme, widerspricht allzusehr der direkten Erfahrung, als daß man 
 sich dabei aufzuhalten brauchte. Auf eine im Sinne der Vernünftigkeit 
 anzusprechende objektive Berechtigung wäre dagegen sehr wohl Bedacht 
 zu nehmen, wenn die Werthaltung des Alter als auf unpersönlichen 
 Wert^ gegründet angesehen werden dürfte. Was unpersönlichen Wert 
 hat, hat eben zugleich persönlichen Wert für jedes beliebige Subjekt. 
 Aber, zunächst äußerlich besehen, ist die Quasi-Übertragung bei Wert- 
 haltungen, die uns jetzt beschäftigt, tatsächlich sicher nicht an die der 
 theoretischen Sicherung noch so sehr bedürftige Unpersönlichkeit der 
 Werte geknüpft und ist es auch wohl nicht einmal ethisch^. Aber das 
 Verhältnis der Quasiübertragung wäre dadurch auch innerlich nicht 
 richtig gekennzeichnet. Was der Alter werthält, hält der Ego nicht 
 deshalb wert, weil der Alter mit seiner Werthaltung recht hat, sondern 
 weil der Umstand, daß er das werthält, dem Ego das wert macht, 
 ganz ohne Rücksicht auf das für den Alter etwa maßgebende Warum! 
 So stellt sich diese Quasiübertragung als ein Tatbestand dar, der keines- 
 wegs allemal eintritt, vielmehr einer besonderen Disposition im Subjekte 
 zu bedürfen scheint, die auch fehlen kann^ und ein wesentliches Moment 
 in der ethischen Schätzung einer Persönlichkeit ausmacht. 
 
 Wenn ich aber gemeint habe, diese Quasiübertragung oben auch 
 als Subjektübertragung der Objektübertragung entgegensetzen zu dürfen, 
 so muß nun noch ausdrücklich darauf hingewiesen werden, daß diese 
 Entgegensetzung doch nur in ziemlich äußerlichem Sinne zutrifft. Von 
 außen besehen ist es ja ohne Zweifel richtig, daß das für den Ego 
 Werthaltungsobjekt wird erst gleichsam durch den Alter hindurch, so 
 daß dieser füglich als näheres Wertsubjekt bezeichnet werden kann 
 gegenüber dem Ego als dem entfernteren Wertsubjekt. Genauere 
 Betrachtung aber darf keinesfalls verkennen, daß der ganze Vorgang 
 sich auch hier auf dem Objektgebiete abspielt und da nicht wohl als 
 Übertragung charakterisiert werden kann. Der Ego hält nämlich das 
 wert, weil es die Eigenschaft hat, Werthaltungsobjekt für den Alter zu 
 sein. Das ist eine genau ebenso objektive Bestimmung als etwa die, 
 Ursache des P zu sein. Während aber zur eigentlichen Wertübertragung 
 von P auf noch erforderlich ist, daß P seinerseits wertgehalten wird, 
 kann man in unserem gegenwärtigen Falle nicht sagen, vom Ego 
 werde die Tatsache wertgehalten, daß der Alter das werthält und 
 deshalb halte nun auch der Ego das wert. Dem Schema „0 steht 
 in Relation zu P, P wird wertgehalten" könnte man immerhin unseren 
 Fall zu akkomodieren versuchen etwa in der Form: „0 steht in der 
 Relation R (diese wäre diesmal Identität) zu 0, wird (vom Alter) wert- 
 gehalten". Aber was im Alter vorgeht, kann unter den hier vorliegenden 
 
 ^ Vgl. „Über emotionale Präsentation", § 13, auch unten IV, § 7. 
 
 2 Vgl. „Ethische Bausteine" [eine unvollendet nachgelassene Arbeit]. 
 
 3 Vgl. A. Oelzelt-Newin, „Über sittliche Dispositionen", Graz 1892, 
 S. 47 f., auch B. Groethuy sen, „Das Mitgefühl", Zeitschr. f. Psycjiol., Bd. XXXIV, 
 1904, S. 183, 253. 
 
 
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