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 III. Weiteres zur Wertpsychologie. 
 
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 weil es Ursache von P, P aber wertvoll ist, so kann man die Sachlage 
 auch so auffassen, daß die Eigenschaft 0', das wertvolle P zu ver- 
 ursachen, die Kernbestimmung ausmache, um deren willen wert- 
 gehalten werde. Es mag geschehen, daß eine solche Betrachtungsweise, 
 die alles auf das gleichsam zusammendrängt, der Erfahrung unter 
 Umständen nicht gerecht wird, sofern gleichsam ein Mehr hinsichtlich 
 des Auseinandertretens der entscheidenden Faktoren an die Leistungs- 
 fähigkeit des W^erthaltenden geringere Anforderungen stellt. Dagegen 
 wird sich bald zeigen, daß die charakterisierende Funktion des konzen- 
 trierten Sachverhaltes durch die Mittel der Werthaltungsübertragun«- 
 nicht jedesmal zu ersetzen wäre. ^ 
 
 Darf so das Vorkommen sowohl von übertragenen als von unüber- 
 tragenen Werthaltungeu für gesichert gelten, so begründet dies das 
 Bedürfnis nach genauerer Feststellung der charakteristischen Momente, 
 auf denen die Unterscheidung dieser beiden Arten von Werthaltungeu 
 beruht. Augenscheinlich handelt es sich bei den übertragenen Wert- 
 haltungen um das Hinzutreten von Bestimmungen, die den unüber- 
 tragenen fehlen, und zwar sind es ohne Zweifel die psychologischen 
 Voraussetzungen, die bei den übertragenen Werthaltungen ein xMehr an 
 kennzeichnenden Momenten aufweisen. Während es nämlich den unüber- 
 tragenen Werthaltungen zwar natürlich an der psychologischen Gegeu- 
 standsvoraussetzung niemals fehlt, die allen Werthaltungen eigen ist, 
 anderweitige psychologische Voraussetzungen jedoch, wie die oben bei- 
 gebrachten Beispiele dartun, bei ihnen in keiner Weise obligatorisch 
 sind, liegt es ersichtlich im Wesen der Übertragenheit, daß diese auf 
 Erlebnisse gegründet ist, die in der Gegenstandsvoraussetzung nicht 
 bereits beschlossen sind. Bei übertragenen Werthaltungen genügt es 
 eben nicht, das Objekt in einem angemessenen Objektiv zu erfassen, 
 vielmehr muß auch das Objekt P zu seinem Rechte gelangen. Soll man 
 ein O um eines P willen werthalten, so ist außer der Gegenstands- 
 voraussetzung, die keiner Werthaltung fehlt, mindestens noch ein Erlebnis 
 erforderlich, das die Wertstellung des Subjektes zu P begründet, und 
 ein Erlebnis, in dem das Subjekt die Beziehung des zum P in an- 
 gemessener Weise erfaßt. Dabei mag das Erlebnis, vermöge dessen das 
 überhaupt ein Werthaltungsobjekt ausmacht, immerhin als die Haupt- 
 sache, daher die hierfür erforderliche Gegenstandsvoraussetzung als 
 , Hauptvoraussetzung« gelten. Aber ihr stehen dann Voraussetzungen 
 zur Seite, denen mindestens der Rang der „Nebenvoraussetzung" nicht 
 abzustreiten ist und deren Haupttypen festgestellt sein wollen. 
 
 Wie eben schon angedeutet, muß es solcher Nebenvoraussetzungen 
 mindestens zweierlei geben. Daß und P sich in geeigneter Relation 
 zu einander befinden, davon muß das Subjekt Kenntnis haben: das 
 Urteil, mittels dessen dies geschieht, kann passend das „ Übertragung s- 
 urteil« heißen. Als zweite Nebenvoraussetzung kommt dann ein Wert- 
 erlebnis hinzu, das das P zum Objekte hat, natürlichst eine W^erthaltung 
 des P, eventuell aber auch eine Begehrung mit demselben Objekt, oder 
 wohl auoh das Urteil, daß P Wert hat, also ein Werturteil : man könnte 
 
 § 4'. Übertragung und Vermittlung bei Werthaltungeu. 
 
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 ein solches Erlebnis das Übertragungssupplement nennen. Neben diesen 
 konstitutiven Nebenvoraussetzungen kann es dann ganz wohl auch noch 
 solche geben, deren Anteil an der resultierenden Übertragung nur ein 
 mehr oder minder erheblich modifizierender ist, namentlich was die 
 Stärke der sich ergebenden übertragenen Werthaltung angeht: die Wert- 
 haltung wird verschieden ausfallen, je nachdem der Vorrat der bereits 
 vorhandenen größer oder kleiner ist, das Hinzukommen wei;erer O 
 für mehr oder weniger wahrscheinlich gelten darf, ebenso das Auftreten 
 des eine größere oder geringere Möglichkeit für das Auftreten des P 
 mit sich führt und so fort. 
 
 Es soll hier solchen Details nicht mehr nachgegangen, sondern 
 nur noch versucht werden, etwas über die Natur der Relation auszu- 
 machen, durch die mit P verbunden sein muß, wenn eine Übertragung 
 der W^erthaltung vom P auf das sich vollziehen soll. Es fällt sofort 
 auf, daß man es da nicht mit bloß einer Relation zu tun hat, sondern 
 mit' mehreren. Es ist allgemein bekannt, ^ daß sich die Werthaltung der 
 Wirkung (des Bedingten) auf die Ursache (die Bedingung), vom Teil 
 auf das Ganze, von der Eigenschaft auf deren Träger überträgt. Aber 
 es ist auch schon aufgefallen, daß die Übertragung unter Umständen 
 sozusagen die entgegengesetzte Richtung einschlägt, so insbesondere im 
 Falle der Relation zwischen Ganzem und Teil. In Zeiten, da für die 
 Konservierung ausgegrabener Altertümer noch nicht ausreichend Sorge 
 getragen war, konnte man oft von Reisenden hören, die sich etwa Stücke 
 alter Mosaike als , Andenken" mitnahmen: augenscheinlich wurden da 
 die Stücke um des wertvollen Ganzen willen wertgehalten. Ebenso wird, 
 wer einer bestimmten Summe Geldes etwa zu einem Kaufe bedarf, 
 auch jeden Teilbetrag dieser Summe werthalten. 
 
 Daß die Werthaltung eines ohne Rücksicht auf seine Eigenschaften 
 erfaßten Dinges auf dessen Eigenschaften überginge, ist mit Rücksicht 
 auf die Indifferenz, die einem Dinge eigen sein muß, solange man auf 
 seine Eigenschaften nicht Bedacht nimmt, kaum zu erwarten ; ganz wohl 
 aber kann eine Werthaltung von dauernden Eigenschaften auf deren 
 Betätigungen in einzelnen Erlebnissen übergreifen. Man hat sich ja in 
 der Ethik schon oft genug vor die Alternativfrage gestellt gefunden, 
 ob ein Mensch gut heißt, weil er, respektive insofern er gut handelt, 
 oder umgekehrt die Handlung gut, weil der ein guter Mensch sein muß, 
 der sie setzt. Natürlich wäre nicht ausgeschlossen, hierin zugleich einen 
 Beleg dafür zu sehen, daß die Werthaltung nicht nur von der Wirkung 
 auf die Ursache, sondern auch von der Ursache auf die Wirkung über- 
 gehen kann, und auch andere Belege hierfür sind unschwer zu finden. 
 So etwa in der verschiedenen Wertstelluug, die man leicht demselben 
 Verhalten gegenüber einnimmt, je nachdem man dem Menschen, der 
 sich so verhält, geneigt ist oder nicht. Daß übrigens auch mit diesen 
 Umkehrungen die Mannigfaltigkeit möglicher Wertübertragungen nicht 
 
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 1 Vgl. „Psych, eth. Unters, z. Werttheorie«, S. 60; Chr. v. Ehrenfels, 
 „System der Werttheorie", Bd. I, S. 75 ff. 
 
