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 in. Weiteres zur Wertpsychologie. 
 
 von der Beschaffenheit des Objektes und seiner Umgebung auch noch 
 von der dauernden oder auch nur vorübergehenden Disposition des 
 Subjektes ab, die so als ein durchaus wesentlicher Faktor bei allen 
 Wertgefühlen in Betracht kommt. 
 
 Diese Disposition hat man im Auge, wenn man im vorwissen- 
 schaftlichen Sprachgebrauche von einem Objekte sagt, daß das Subjekt 
 an dessen Sein oder Nichtsein mehr oder weniger interessiert sei. Damit 
 ist freilich ein Wort von nicht ganz unbedenklicher Vieldeutigkeit^ in 
 Anspruch genommen, in einer Bedeutung obendrein, die vielleicht gar 
 nicht die dem Ausdrucke am häufigsten beigelegte ist. Aber näher 
 besehen beschränkt sich jene Vieldeutigkeit, von vernachlässigungswerten 
 Ausnahmen abgesehen, doch darauf, daß „Interesse" die Disposition 
 zu Urteilsgefühlen ganz im allgemeinen genannt wird, mag es sich 
 dabei um Wissens- oder um Wertgefühle handeln. Und wenn man die 
 Wendung „sich interessieren'' vielleicht wirklich häufiger bei Wissens- 
 gefühlen gebraucht und das Adjektiv „interessant" wohl ausschließlich 
 bei ihnen, 2 so hindert dies, soviel ich sehe, doch durchaus nicht, das 
 Wort „Interesse" auch mit Bezug auf Wertgefühle anzuwenden, wenn 
 man im Bedarfsfalle über Mittel verfügt, diese Wortanwenduug kenntlich 
 zu machen. An solchen Mitteln fehlt es aber keineswegs. Betrifft das 
 Adjektivum „interessant" ausschließlich die Wissens-, so das Adjektivum 
 „interessiert" fast ebenso ausschließlich die Wertgefühle. Nicht minder 
 bestimmt unterscheidet die Sprache, wenn auch nicht gerade in aus- 
 nahmsloser Konsequenz, das „Interesse für" vom „Interesse an" etwas 
 und meint dort das Wissens-, hier das Wertgefühl. Noch deutlicher 
 aber ist es, die erstgenannte Disposition als „theoretisches Interesse" 
 der zweitgenaunten als dem „praktischen Interesse" entgegenzustellen. 
 Man kann also wohl ohne alle Undeutlichkeit sagen: wie das Subjekt 
 auf das Sein, wie es auf das Nichtsein des in Betracht kommenden 
 Objektes reagiert, das hängt von dem praktischen Interesse ab, das 
 das Subjekt an dem betreffenden Objekte nimmt. Näher erweist sich 
 die so einheitlich benannte Disposition eigentlich als ein Komplex aus 
 zwei Dispositionen, deren eine das Sein, deren andere das Nichtsein 
 des Objektes betrifft und von deren einigermaßen unabhängiger Varia- 
 bilität wir uns im vorangehenden überzeugt haben. Man könnte hier 
 von positivem und negativem Interesse reden, wenn das dem Umstand 
 gegenüber weniger undeutlich wäre, daß es da nicht nur in betreff des 
 Voraussetzungsurteils, sondern auch in betreff des Gefühls den Gegen- 
 satz der Vorzeichen gibt. Deutlicher wäre es also immerhin, etwa das 
 , Seinsinteresse" dem „Nichtseinsinteresse" gegenüberzustellen. 
 
 Den Gegengefühlen gegenüber auf die Dispositionen zurückzu- 
 
 1 Vgl. E. M artin ak, „Zur BegrifEsbestimmnng der »intellektnellen Gefühlec 
 und des »Interessesc", Süddeutsche Blätter für höhere Unterrichtsanstalten, IV, 
 Jahrgang 1896, bes. S. 163 ff. Vgl. auch 0. Tumlirz, „Die Disposition des theore- 
 tischen Interesses und ihre aktuellen Korrelate" in „Beiträge zur Pädagogik und 
 Dispositionstheorie", herausgegeben von A. Meinong, Prag, Wien, Leipzig 1919. 
 , 2 Vgl. E. Martinak, a. a. 0., S. 165 f. 
 
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 § 3. Gut und Übel, Glück und Unglück. 
 
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 greifen, dazu hat man den naheliegenden Anlaß, daß ein Seins- und 
 ein Nichtseinsgefühl unbeschadet wie weit immer gehender Zusammen- 
 gehörigkeit doch niemals zugleich aktuell sein können, so gewiß das 
 Subjekt außerstande ist, gleichzeitig an das Sein und Nichtsein desselben 
 Objektes zu glauben. Eher könnte auf ein wenigstens annähernd gleich- 
 zeitiges Auftreten der den Ernstgegengefühlen zugeordneten Phantasie- 
 gefühle gedacht werden; aber in dieser Hinsicht haben die Phantasie- 
 gefühle vor Gefühlskombinationen, wie wir sie oben als im Ernstfalle 
 unvereinbar konstatieren konnten, schwerlich etwas voraus. 
 
 In betreff des Terminus „praktisches Interesse" aber wird zu 
 beachten sein, daß seine Bezogenheit sowohl auf Seins- wie auf Nicht- 
 seinsgefühle noch keineswegs seine ganze Komplexität ausmacht. Es 
 wäre ganz unnatürlich, bei „Interesse" nicht auch an das Begehren, 
 näher an Begehruugsdisposition zu denken, die sich, wie zu erwähnen 
 war,^ von der Disposition zu sonst gleichviel wie nahe verwandten 
 Gefühlen doch immer noch prinzipiell unterscheidet. Wer aber ceteris 
 paribus stärker begehrt, dem wird man doch zweifellos ein stärkeres 
 Interesse an dem betreffenden Gegenstande zusprechen. Auch hier wird 
 das Verhalten zum Sein von dem zum Nichtsein zu unterscheiden, 
 sonach von Seins- und Nichtseinsinteresse auch hinsichtlich des Begehrens 
 zu reden sein. Auch noch die Dispositionen zu Phantasiegefühlen, respek- 
 tive Phantasiebegehrungen in den sonach ohnehin nicht wenig komplexen 
 Begriff des praktischen Interesses einzubeziehen, danach wird schwerlich ein 
 Bedürfnis bestehen, da die Phantasieerlebnisse auch hier, wie sonst, ^ zu- 
 nächst nur als Surrogate für die Ernsterlebnisse in Betracht kommen werden. 
 
 § 3. Gut und Übel, Glück und Unglück. 
 
 Es sei gestattet, hier noch einigermaßen anhangsweise die Be- 
 deutung der oben^ entworfenen kleinen Tafel der Werthaltungen durch 
 den Hinweis auf ein paar bereits dem verwissenschaftlichen Denken 
 angehörige Begriffe zu beleuchten, die sich in ganz unverkennbarer 
 Weise auf diese Tafel gründen. Es geschieht dies dadurch, daß die 
 Werthaltungen, die in ihrer durch die beiden Vorzeichen ausgemachten 
 Bestimmtheit natürlich nicht an ganz beliebigen Objekten angreifen 
 können, diejenigen darunter, wo sie dies tatsächlich können, auch gegen- 
 über anderen Objekten in eigenartiger Weise charakterisieren. Ein Objekt, 
 das mich, sofern es ist, durch sein Sein erfreut, unterscheidet sich in 
 dieser Hinsicht wesentlich von einem Objekte, das, sofern es ist, mir 
 vermöge seines Seins leid ist. Ebenso ist es ein anderes, ob ein Objekt 
 mir vermöge seines allfälligen Nichtseins lieb oder leid ist. Übersichtlich 
 lassen sich die vier sich ergebenden Fälle in derselben Weise zusammen- 
 stellen, wie im vorhergehenden^ die Gegengefühle. Auch die nämlichen 
 Symbole sind anwendbar, sofern man das Zeichen Wh und die Klammem 
 
 1 Vgl. oben S. 42. ^ 
 
 2 Vgl. „Über Annahmen" 2 [Register]. 
 8 Vgl. S. 821 
 
 4 Vgl oben S. 83. 
 
