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 II. Die Werterlebnisse. 
 
 § 10. Anhang : Wertgef ahl als seknndäre Stellnngnahme. 
 
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 tun, so daß besser von Wertlialtung eines bloß Möglichen zu reden sein 
 wird. DaG dann auch hier keine feste Grenze zu ziehen und insbeson- 
 dere der Übergang aus dem Zustande der Möglichkeitswerthaltung in 
 den von Hoffnung, respektive Furcht oder umgekehrt leicht anzutreffen 
 sein wird, ist selbstverständlich. 
 
 § 10. Anhaug: Wertgefühl als sekundäre Stellungiialime. 
 
 Blicken wir von hier auf die bisher durchgeführten Untersuchungen 
 zurück, so ist nicht zu verkennen, daß sie im Hinweise auf die Wert- 
 gefühle (und speziell Werthaltungen) auf ein relativ ziemlich einfaches 
 Ergebnis geführt haben. In dieser Einfachheit sieht der neueste Bearbeiter 
 der Werttheorie^ einen Fehler „fast aller" bisherigen einschlägigen 
 Aufstellungen, indem diese «den Prozeß der Wertung für einen ein- 
 fachen seelischen Vorgang ansehen, während in Wirklichkeit kompli- 
 ziertere Verhältnisse bestehen. Der Umstand, daß etwas mein Gefühl 
 oder mein Begehren erregt, ist an sich keineswegs eine Wertung, sondern 
 nur ein Teilphänomen dieser oder (wie wir sagen) die Grundlage der- 
 selben. Es muß zu dem grundlegenden Gefühl oder Begehren noch ein 
 weiterer seelischer Akt hinzukommen, den wir als die Wertsetzung 
 bezeichnen . . . Jedenfalls kommt erst durch diese Doppelheit eine 
 wirkliche Wertung zustande: erstens muß das Subjekt zu dem Gegen- 
 stand in eine Beziehung, die meist emotional, das heißt gefühlsmäßig 
 oder willensmäßig ist, eintreten, zweitens muß aber diese Beziehung 
 als solche bejaht, anerkannt, das heißt als Wert gesetzt werden." 
 Beliebiges Lustgefühl oder Begehren für sich bedeutet noch keinen Wert. 
 Umgekehrt „gibt es auch Wertsetzungen, denen kein Lustgefühl oder 
 Begehren voraufgegangen ist. Ich kann eine Bach'sche Fuge als Wert 
 anerkennen, ohne daß sie in meiner momentanen Stimmung mir Lust 
 erregte, oder daß sie mein Begehren, sie zu hören, erweckte.'' Es ist 
 „eine unvollständige oder, wie wir auch sagen können, eine über- 
 nommene Wertung . . ., die im Gegensatz zur erlebten Wertung steht, 
 das heißt einer solchen, bei der eine wirkliche Wertgrundlage vorhanden 
 ist". 2 Wie bereits erwähnt^ werden die sich so ergebenden beiden 
 Komponenten des Werterlebnisses als „Stellungnahmen", das Wert- 
 erlebnis selbst demgemäß als „Stellungnahme zu einer Stellungnahme" 
 oder als „sekundäre Stellungnahme" beschrieben.* 
 
 Es möchte entbehrlich sein, bei der technischen Verwendung des 
 Ausdruckes „Stellungnahme" hier nochmals prinzipiell zu verweilen. 
 Rechnet man, wie billig, auch die Urteile zu den „Stellungnahmen", 
 so legt das Wort immerhin den Gedanken nahe, auch unser Urteils- 
 gefühl als solche „sekundäre Stellungnahme" aufzufassen, bei der das 
 Voraussetzungsurteil den ersten, das darauf gegründete Gefühl den 
 
 1 R Müller-Freienfels, „Gnindzüge einerneuen Wertlehre", Annalen 
 der Philosophie. Bd. I, Leipzig 1919, S. 321 f. 
 
 2 A. a. 0., S. a22 f. 
 8 Oben S. 45. 
 
 * ,Gnmdzüge", besonders S. 328 f. 
 
 zweiten Schritt ausmachen könnte. Aber Eigenart und Bedeutung der 
 Urteilsgefühle dürfte unserem Autor kaum näher getreten sein als 
 manch anderem Bearbeiter der Werttheorie in den letzten 25 Jahren, 
 — vielleicht schon deshalb, weil er das Charakteristische des Urteils 
 mehr im Ausdruck als im Erlebnis zu suchen scheint.^ Daß überdies 
 nach der Auffassung unseres Autors eher umgekehrt das Gefühl den 
 ersten, das Urteil den zweiten Schritt ausmachen müßte, das beleuchtet 
 bestens etwa das Paradigma eines Kunstgegenstandes, auf den man 
 des Wohlgefallens wegen Wert legt, das er erregt. „Ein Bild gefällt 
 uns, erregt unsere Lust: das ist die primäre;^ Stellungnahme. Zum 
 ästhetischen Wert wird jedoch die Lust (und damit auch das sie erregende 
 Bild) erst, indem ich jener Lust meine Aufmerksamkeit zuwende, sie 
 bejahe, kurz wiederum Stellung nehme. Der negative Fall offenbart die 
 Doppelheit des Prozesses am deutlichsten. Jenes Bild erregte vielleicht 
 nur meine sinnliche Lust, schmeichelte niederen Instinkten und wird 
 darum in sekundärer Stellungnahme als »Kitsch« verworfen".*^ „Es ist 
 richtig", liest man an anderer Stelle ^ „ daß ich in einer Landschaft nur 
 solche Gegenstände apperzipiere, die mein »Interesse«, also eine emo- 
 tionale Stellungnahme erregen; sie werden indessen erst zu Werten, 
 wenn ich diese emotionale Stellungnahme besonders bejahe." Man wird 
 nicht in Abrede stellen können, daß der Analogie solcher Beispiele 
 ganz außerordentlich viele Erlebnisse des Wertgebietes folgen. 
 
 Nur daß es dem Autor gelungen sein sollte, mit Hilfe des Ter- 
 minus „Stellungnahme" dem Begriffe seiner „Wertgrundlage" eine All- 
 gemeinheit zu erteilen, die über das Fühlen und Begehren noch hinaus- 
 reichte, wird schwerlich zuzugeben sein. Der Verfasser hat dabei „jene 
 Stellungnahmen" im Auge, „durch die wir einen Vorstellungsinhalt als 
 »neu«, als »fremd«, als »groß«, als »erhaben«, als »wirklich«, als 
 »unreal«, als »denselben« und so weiter charakterisieren"*, auch wohl 
 „Zustände wie die Aufmerksamkeit, das Interesse und verwandte 
 Phänomene"^ In der Tat kann, „daß etwas »neu« oder »alt« ist, . .. 
 öfters ganz verschiedene Bewertungen bedingen", aber näher, wie der 
 Autor selbst hinzufügt, etwa nur, „je nachdem die »Neuheit« oder das 
 »Alter« erwünscht sind. Denn auch diese Stellungnahmen verquicken 
 sich mit Begehrungen" ^ Warum könnten dann diese Begehrungen 
 nicht schon für sich als „Grundlagen" ausreichen? „Daß etwas »wirk- 
 lich« oder »unwirklich« ist", fährt der Autor fort, „ist niemals in der 
 Empfindung oder der Vorstellung gegeben, ist vielmehr eine Charakte- 
 risierung derselben durch das Ich, eine »Stellungnahme«. In all' diesen 
 Fällen käme unser Begriff der Stellungnahme etwa auf eine psycho- 
 logische Erklärung des erkenntnistheoretischen Begriffs der »Kategoriec 
 
 1 A. a. 0., S. 327. 
 
 2 Vgl. a. a. 0., S. 329. 
 
 3 A. a. 0., S. 349. 
 * A. a. 0., S. 326. 
 
 5 A. a. 0., S. 326 t 
 
 6 A. a. 0., S. 326. 
 
 *;1 
 
