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 n. Die Werterlebnisse. 
 
 § 7. Inhaltsgefühle und Aktgefühle. 
 
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 man dem Gegenstände derselben, soweit er bekannt ist, eine möglichst 
 bevorzugte Stellung in der Aufmerksamkeit einräumt. Das greift dann 
 auch auf das solchen Gefühlen zugeordnete Begehren über, sofern man 
 zum Beispiel beim Spazierengehen, bei Jagd oder Spiel sich völlig 
 fiktive Ziele steckt, indes man die eigentlichen Gegenstände der betref- 
 fenden Lustgefühle nur mit zweifelhaftestem Erfolg in das Zentrum 
 seines Begehrens setzen dürfte. 
 
 Man kann also zusammenfassend behaupten: es gibt auch Vor- 
 stellungsgefühle, bei denen der Voraussetzungsakt, und solche, bei denen 
 der Voraussetzungsinhalt die Hauptrolle spielt. Jene kann man Vor- 
 stellungsakt-, diese Vorstellungsinhaltsgefühle nennen und dann jenen 
 die Wissensgefühle als Urteilsakt-, diesen die Wertgefühle als Urteils- 
 inhaltsgefühle an die Seite setzen. Die Phantasiewertgefühle schließen 
 sich dabei der Charakteristik der Ernstwertgefühle zwanglos an, während 
 für das allfällige Phantasieseitenstück der Wissensgefühle aus dem 
 oben angegebenen Grunde die Bezeichnung „ Phantasiewissensgefühl " 
 schwer anwendbar ist. 
 
 Eine Frage kann diesem Ergebnis gegenüber nicht ganz unberührt 
 bleiben: wie ist es mit der Gegenständlichkeit von Gefühlen bewandt, 
 bei denen der Voraussetzungsinhalt so sehr hinter dem Voraussetzungs- 
 akt zurücktritt, wie wir dies bei den Aktgefühlen eben gefunden haben? 
 Bei den Inhaltsgefühlen besteht in dieser Hinsicht natürlich keinerlei 
 Schwierigkeit; kann aber ein Gegenstand, der durch den bei den Akt- 
 gefühlen so wenig ausschlaggebenden Inhalt ihrer Voraussetzungen 
 präsentiert ist, überhaupt noch einen Gegenstand des betreffenden 
 Gefühles ausmachen, und wenn nicht, wo ist dann der Gegenstand 
 solcher Gefühle zu suchen? 
 
 Speziell bei den Wissensgefühlen legt diese Benennung es beson- 
 ders nahe, zu meinen, ihr Gegenstand, das also, an dem man sich da 
 eventuell freut, sei eben das Wissen, also etwas ganz anderes als was 
 der Inhalt des betreffenden Voraussetzungsurteiles zu erfassen vermag, 
 indem dieses nicht auf das Wissen, sondern auf das günstigen Falles 
 Gewußte gerichtet ist. Und ohne Zweifel gibt es Gefühle, die sich als 
 Freude am Wissen beschreiben lassen. Aber wer sie erlebt, denkt eben 
 ausdrücklich daran, daß er weiß, sein Gefühl wendet sich also an das 
 vom Fühlenden erfaßte Dasein eines Wissens, das heißt es handelt sich 
 da um ein Existenzgefühl, wie es uns in so vielen Wertgefühlen 
 begegnet, nur mit der besonderen Bestimmung, daß das Existierende, 
 worauf es diesmal ankommt, das Wissen ist. Bei der sonst so großen 
 Variabilität der Objekte möglicher Wertgefühle könnte man den ganz 
 speziellen Fall, wo das, worauf Wert gelegt wird, statt eines anderen 
 Gegenstandes ein Wissen ist, unmöglich einer ganz anderen Klasse von 
 Gefühlen zuweisen. So paradox es klingen mag, daß ein Gefühl, das 
 ganz ausdrücklich auf ein Wissen geht, doch kein Wissensgefühl sein 
 soll, diese Konsequenz wird gleichwohl im Hinblick auf den Sinn, in 
 dem oben der Ausdruck ^Wissensgefühl" eingeführt worden ist, gezogen 
 werden müssen: wir haben es hier mit einem Wertgefühl zu tun, dessen 
 
 Besonderheit immerhin in der Benennung zum Ausdrucke gelangen 
 kann, wenn man es, nach St. Witasek^ , Wissens wertgefühl« nennt. 
 Was dagegen die eigentlichen Wissensgefühle anlangt, so konnte 
 es nun bei ihnen wie bei den übrigen Aktgefühlen nächstliegend Schemen, 
 in ihrem Voraussetzungsakte zugleich ihren Gegenstand zu vermuten. 
 Aber die direkte Empirie zeigt die Gefühle unter normalen Umstanden 
 so wenig auf den Akt gerichtet, wie auf die Gesamtvoraussetzung. 
 Versucht man es aber etwa bei einem angenehmen Vorstellungsakt- 
 gefühl nun den Voraussetzungsakt in ähnlicher Weise durch die Auf- 
 merksamkeit hervorzuheben, wie oben den Voraussetzungsgeaenstand, 
 so hat dies höchstens eine • Unterbrechung im ungestörten Ablauf des 
 Gefühles, sicher aber wieder keine Steigerung der Annehmhchkeit zur 
 Folge. So bleibt kaum etwas anderes übrig, als eben, auch den mehr 
 zurücktretenden Gegenstand als Gegenstand des betreffenden Gefühles 
 gelten zu lassen, in dem immerhin vielleicht etwas beiläufigen bmne, 
 der hier vorersts nach altem Herkommen dem Worte „Gefühlsgegen- 
 stand" beigelegt worden ist. In der Tat, obwohl dem wirklich objektiven 
 Historiker die Echtheit einer gewissen Urkunde nicht mehr am Herzen 
 liegen darf als ihre . Unechtheit, bleibt doch der Gegenstand, an den 
 sein theoretisches Gefühl sich knüpft, eben das, was seine Forschung 
 über die Urkunde festgestellt hat. Und auch sein Wissensbegehren, 
 wie es sich etwa in einer Frage formuliert, hält sich an dieses gegen- 
 ständliche Material : ich hatte bereits an anderem Orte darauf hinzu- 
 weisen wie wenig der Fragende sein Begehren eigentlich auf em Urteü 
 richtet, und wie das vulgäre „ich möchte wissen" eigenthch eine irrige 
 Beschreibung der unter normalen Umständen vorliegenden Sachlage m 
 
 sich schließt^ [^o]. x / ^ • • . 
 
 So ist also keineswegs ein eigenartiger Gegenstand dasjenige, 
 was die Wissensgefühle gegenüber den Wertgefühlen charakterisiert. 
 Leicht mag derselbe Gegenstand einmal einem Wissens-, einmal einem 
 Wert-efühle zugehören, so daß man billig fragen mag, worin dann der 
 meist" so auffällige Unterschied im Aspekt der beiden Erlebnisse gelegen 
 sein kann Denn die erwähnte Verschiedenheit im relativen Anteil von 
 Akt und Inhalt am Ergebnis kann in den Aspekt so wenig emgehen, 
 als man es etwa einem geworfenen Würfel ansehen kann, in welchem 
 Maße der Ausfall des einzelnen Wurfes durch die mehr oder weniger 
 exzentrische Lage des Schwerpunktes bedingt war.* Tritt Kausalität 
 überhaupt nicht in die Erscheinung, so womöglich noch weniger das 
 Gewicht der Teilursachen. Es wird also kaum anderes übrig bleiben, 
 als das die beiden Gefühlserlebnisse von einander Unterscheidende m der 
 
 1 Vffl. „Grandzüge der Ästhetik", S. 255. ^ .* ^ „« 
 
 2 Anf eine andere Wortanwendting werden wir nns weiter nnten ge- 
 führt finden. Vgl. III, § 1. . .. u o nn t 
 
 3 Vffl. .Über emotionale Präsentation , b. 97 t. . ^. ^ .^u 
 
 4 Vgl. anch meine Ausführungen über „Phantasievorstellarg nnd Phanta^e 
 in der Zeitsschr. f. Phil. n. philos. Kritik, Bd. 95, 1889, abgedruckt in Bd. I 
 der Gesammelten Abhandlungen, S. 193— 27L 
 
 * 5 
 
 Meinong, Zur Grundlegung der allg. Werttheorie. 
 
 ^X^AMtlb/k- 
 
