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 II. Die Werterlebnisse. 
 
 § 6. Denk- und insbesondere Urteilsgefühle. 
 
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 auf ein Sosein Wert legen kann, wie es im kategorischen Urteil erfaßt 
 wird: der Vorstand eines Laboratoriums zum Beispiel wird es sich 
 angelegen sein lassen, daß seine Instrumente und Apparate in gutem 
 Stande sind. Solches Sosein kann aber natürlich ebenfalls nicht existieren,, 
 sondern nur bestehen. Vom kategorischen Urteil findet man sich von 
 selbst zum hypothetischen und disjunktiven Urteil geführt. Wer zwei 
 Räume durch eine elektrische Klingel oder ein Telephon verbindet, 
 betätigt damit, daß es ihm darum zu tun ist, in dem einen Räume 
 gehört zu werden, wenn er im anderen ein Zeichen gibt. Bei einem 
 Konkurrenzkampfe zwischen drei Bewerbern aber, von denen mir der 
 A und der B als tüchtig, der C als untüchtig bekannt ist, kann ich 
 ganz wohl wünschen, entweder der A oder der B möchte siegen. Nun 
 ist, daß, wenn ein Zeichen gegeben wird, es aucli vernommen werde, 
 wieder nur etwas, das zwar bestehen, nicht aber existieren kann, und 
 mit der Disjunktion, daß entweder A oder B siegt, ist es auch nicht 
 anders bewandt. Um Existierendes freilich handelt es sich dabei in 
 diesen Beispielen immer noch, und ganz im allgemeinen wird für den 
 Wert die Existenz nach wie vor die Hauptsache bleiben; will man aber 
 genau sein, so wird man den Wert nicht auf sie einschränken dürfen, 
 sondern den Bestand mit einbeziehen müssen. Dies ist leicht zu leisten, 
 indem man, wo es auf genaue Formulierung ankommt, nicht speziell 
 von Existenz, sondern allgemein von Sein redet. Wertgefühle sind 
 ♦insofern nicht speziell als Existenz-, sondern allgemein als Seinsgefühle 
 zu charakterisieren. [^^] 
 
 § 6. Denk- und insbesondere Urteilsgefühle. 
 
 Nun dürfte man sich aber bei dieser Aufstellung nicht beruhigen, 
 solange nicht mindestens noch eine Frage beantwortet wäre. Sie betrifft 
 die Art und Weise, wie das sonach für den Wert so bedeutungsvolle 
 Sein, respektive Nichtsein, insbesondere also die Existenz, respektive 
 Nichtexistenz des Wertobjektes mit dem Wertgefühle verbunden zu 
 denken ist. Hierüber hoffe ich nun allerdings bereits gelegentlich meiner 
 ersten werttheoretischen Aufstellungen ^ Beweisendes beigebracht zu 
 haben; doch soll im folgenden versucht werden, das dort Dargelegte 
 noch zu präzisieren und zu vervollständigen. Als nächstliegende Antwort 
 auf die eben formulierte Frage bietet sich nämlich der Hinweis auf 
 kausale Verbundenheit des Wengefühles mit dem existierenden Gegen- 
 stande dar, etwa nach Analogie dessen, was man sich immer noch gern 
 als das Wesen der Verbindung einer Sinneswahrnehmung mit dem Wahr- 
 genommenen denkt. Sehen oder Hören, so meint man ja wohl, bestehe 
 einfach darin, daß das leuchtende oder tönende Ding im Subjekte 
 Empfindungen hervorruft: ähnlich könnte es nun bewandt sein, wenn 
 man auf ein Seiendes Wert legt, nur etwa mit dem Unterschiede, daß 
 das durch das Objekt Kausierte diesmal keine Empfindung, sondern ein 
 Gefühl ist. Warum nun ein solcher Gedanke unhaltbar und durch welchen 
 
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 1 In den „Psych, eth. Unters, z. Werttheorie", § 7. 
 
 anderen er zu ersetzen ist, darüber dürfte durch eine Reihe paradig- 
 matischer Beispiele unschwer Aufschluß zu erlangen sein. 
 
 Ich beginne mit dem bereits verwendeten Beispiel vom Ofen, 
 auf den man um der Wärme willen Wert legt, die er verbreitet. Hier 
 ist ja die kausale Natur der Verbindung zwischen dem warmen Ofen 
 und der angenehmen Temperaturempfindung völlig durchsichtig. Aber 
 wie wir wissen, ist das sinnliche Gefühl noch nicht das Wertgefühl, 
 imd man könnte nur etwa denken, das Wertgefühl möchte wieder die 
 Wirkung des sinnlichen Gefühles ausmachen und so zuletzt mit dem 
 Ofen zwar mittelbar, aber doch kausal verbunden sein. Solche Mittel- 
 barkeit widerspricht indes durchaus der Unmittelbarkeit, mit der das Wert- 
 gefühl gerade an den Ofen als an seinen Gegenstand herantritt. Unter 
 dem Kausalgesichtspunkte wäre es vielleicht zu verstehen, wenn das 
 sinnliche Gefühl oder die lustbetonte Empfindung die Stellung des Wert- 
 objektes einnähme. Warum sich aber das Wertgefühl gleichsam eine 
 entferntere Ursache heraussucht, und warum gerade diese aus der 
 Gesamtheit derselben^ davon kann hier in keiner Weise Rechenschaft 
 gegeben werden. [^^j 
 
 Die Sachlage kann nun leicht so abgeändert sein, daß auch der 
 Schein einer Vermittlung durch das sinnliche Gefühl mit diesem Gefühle 
 selbst entfällt. Ist das Wertobjekt etwa ein Brief von der Hand eines 
 verstorbenen Freundes, so mag diesem Schriftstücke leicht genug alles 
 sinnlich Angenehme oder Wohlgefällige fehlen. Wie ist hier auch nur 
 die Kausalverknüpfung mit dem Wertgefühle zu ;^erstehen? Etwa so, 
 daß das Schriftstück Gelegenheit, respektive Anlaß bietet, an den Ver- 
 storbenen zu denken? Dann wäre das Wertobjekt einfachst durch einen 
 Zettel zu ersetzen, auf dem etwa das Wertsubjekt selbst den Namen 
 des Verstorbenen verzeichnet hätte. 
 
 Das von mir einmal^ schon ausführlicher, aber vielleicht nicht 
 einwandfrei behandelte Beispiel vom Werte, den der ausübende Künstler 
 auf den Beifall des zuhörenden, respektive zusehenden Publikums legt, 
 steht mit dem Beispiel von der Reliquie insofern auf gleicher Linie, 
 als auch da das sinnliche Gefühl fehlt, das man etwa für den Ver- 
 mittler zwischen dem Wertobjekte und dem Wertgefühle zu halten ver- 
 suchen könnte. Außerdem ist aber das Wertobjekt, der Beifall, dem 
 Bereiche des Sinnlichen schon von Natur entzogen, und das ermöglicht 
 eine Ausgestaltung, in der eine Kausalverbindung mit dem Wert- 
 gefühle erweislich nicht besteht. Dies findet statt, wenn der Beifall 
 unecht ist, vom Ausübenden aber für echt genommen wird. In solchem 
 Falle liegt das Wertgefühl vor wie beim echten Beifall; die Kausal- 
 verbindung zwischen Wertobjekt und Wertgefühl aber kann deshalb 
 nicht vorliegen, weil das Wertobjekt „Beifall" genau genommen gar 
 nicht existiert, also auch keine Ursache abgeben kann. Eine Lockerung 
 der Kausalverbindung stellt auch der Gegenfall dar, wo der Beifall 
 
 1 Vgl. die analoge Betrachtungsweise in „Über die Erfahmngsgrundlagen 
 unseres Wissens", § 25. 
 
 2 In den „Psych, eth. Unters, z. Werttheorie", S. 18. 
 
