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 II. Die Werterlebnisse. 
 
 § 5, Wertgefühle als Seinsgefühle. 
 
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 lichung nach noch Unbestimmten, im Grunde also doch wieder auf 
 Existenz des Begehrungsobjektes gerichtet. 
 
 Es dürfte der Charakteristik der sich hier bietenden Sachlage 
 dienlich sein, auch des Gegensatzes zu gedenken, in dem in Bezug auf 
 den sozusagen obligatorischen Anteil des Existenzmomentes die Vor- 
 stellungen zu den Begehrungen stehen. Ich muß natürlich etwas vor- 
 stellen, wenn ich vorstelle ; aber auf die Existenz dieses Etwas braucht 
 beim Vorstellen in keiner Weise Bedacht genommen zu werden. Betrachten 
 wir nun darauf hin die Hauptwerterlebnisse, so wissen wir zwar, daß 
 diese nicht etwa mit den Begehrungen zusammenfallen, daß sie viel- 
 mehr Gefühle sind. Darin aber gleiclien sie den Begehrungen durchaus, 
 daß es auch bei ihnen ganz und gar auf die Existenz (respektive Nicht- 
 existenz) des Wertobjektes ankommt. Das Kind legt Wert auf sein Spiel- 
 zeug, der Holzschnitzer auf sein scharfes Messer; und auch hier ist 
 es eine genauere Besclireibung, wenn man sagt, daß dieses Wertlegen 
 sich der Existenz, hier des angemessen beschaffenen Messers, dort des 
 angemessen beschaffenen Spielzeuges (wobei der Besitz mit zu dieser 
 Beschaffenheit zu zählen ist) zuwendet. Daß unter Umständen an die 
 Stelle der Existenz auch wohl die Nichtexistenz treten kann, ist selbst- 
 verständlich; zur Illustration genügt der allgemeine Hinweis auf die 
 verschiedenen großen und kleinen Übel, auf deren Nichtdasein Wert- 
 gefühle so gut gerichtet sind wie Wünsche und sonstige Begehruugen. [^°] 
 
 Kann aber nun etwa behauptet werden, daß, was in dieser Hin- 
 sicht von den Wertgefühlen gilt, auch von allen übrigen Gefühlen zu- 
 trifft? Mau denke noch einmal an die sinnlichen Gefühle, etwa die An- 
 nehmlichkeit des warmen Zimmers. Daß ich auf die Zimmerwärme Wert 
 legen kann, weil sie angenehm ist, und daß dieses Werterlebnis etwas 
 anderes ist als jene Annehmlichkeit, wissen wir bereits.^ Halten wir 
 uns jetzt ausschließlich an dieses letztere Gefühl, so ist natürlich außer 
 Zweifel, daß die wirkliche, also die existierende Wärme unerläßlich ist, 
 um diese Annehmlichkeit zu erleben ; dennoch wird hier niemand finden, 
 das Angenehme sei eigentlich nicht die Wärme, sondern deren Existenz, 
 und auch sonst wäre der vorliegende Sachverhalt nicht getroffen, wenn 
 ihn jemand so beschreiben wollte, als wäre das Annehmlichkeitsgefühl 
 hier irgendwie auf die Existenz der Wärme gerichtet. 
 
 Übrigens gibt es ein Gefühlsgebiet, wo der Gegensatz zu den 
 Werterlebnissen noch viel deutlicher ist; ich meine die ästhetischen 
 Gefühle. Auch sie wenden sich manchmal an ein Wirkliches; so beim 
 Naturschönen, ebenso, obwohl doch auch wieder in ganz anderer Weise, 
 wo ein wirkliches Gemälde, eine wirkliche Musikaufführung das Gefühl 
 . erweckt. Aber der Künstler hat von seiner Schöpfung einen ästhetischen 
 Eindruck auch schon zur Zeit, da sein Werk nur in seiner Phantasie, 
 also, genauer gesprochen, solange es noch gar nicht existiert, und bereits 
 der mäßig Musikbegabte spürt Gefallen an einer Melodie nicht nur, wenn 
 er sie hört, sondern auch schon, wenn er sie sich in Gedanken vergegen- 
 
 wärtigt. Dabei sind es aber natürlich nicht etwa die Vorstellungen, die 
 gefallen, sondern jedesmal nur das Vorgestellte. Wie unwesentlich hier 
 also die Existenz dieses Vorgestellten ist, kann niemand verkennen — , 
 und dabei ist das ganze Gebiet des Erdichteten noch gar nicht aus- 
 drücklich einbezogen, das sogar schon das Sprachgefühl des täglichen 
 Lebens zum Wahren, respektive Wirklichen in Gegensatz stellt. So ergibt 
 sich denn, daß die Gefühle, die uns als Wertgefühle entgegengetreten 
 sind, sich gegenüber anderen Gefühlen durch ein besonderes Verhältnis 
 kennzeichnen, in dem sie sich zur Existenz ihrer Objekte befinden.* 
 Auf dieses eigentümliche Verhältnis könnte man durch die Benennung 
 „Existenzgeführ hinweisen, die dann gestatten würde, die hier auf- 
 geworfene Frage nach der Natur der als Werterlebnisse anzuerkennenden 
 Gefühle durch die Behauptung zu beantworten : Wertgefühle sind nicht 
 Gefühle kurzweg, sondern speziell Existenzgefühle. ^ 
 
 In der Tat vermag eine solche Aufstellung dem wohl größten und 
 praktisch wichtigsten Teile des Wertgebietes Rechnung zu tragen; den- 
 noch ist eine Erweiterung erforderlich, weil das Wertgebiet über das , 
 Gebiet der Existenz hinausreicht. Das erhellt deutlichst daraus, daß I 
 Gegenstände mathematischer Betrachtung keineswegs in jedem Sinne 
 außerhalb der Möglichkeit liegen, dem Wertgesichtspunkte unterstellt 
 zu werden. Es ist ganz alltäglich, einer komplizierten Rechenaufgabe 
 gegenüber zu wünschen, daß die Rechnung , ausgehen" möchte, sich 
 an einer „eleganten" Ableitung zu freuen und dergleichen. Das ist* 
 ohne Zweifel ein „Wertlegen", für das aber der Natur der in Frage 
 kommenden Gegenstände wegen nicht Existenz, sondern bloß Bestand^ 
 in Betracht kommen kann. Manchmal zeigt sich der Wert zwar an 
 Wirklichem, also an Existierendem, aber doch so, daß er ganz wohl 
 auch bloß auf Ideales bezogen werden kann, dem als solchem dann 
 wieder nur Bestand zukommt. Bei einer Kopie wird man meist Wert 
 auf die Ähnlichkeit mit dem Original legen: soweit es sich dabei um 
 die bestimmte Beschaffenheit dieser Kopie handelt, betrifft der Wert 
 auch hier eine Existenz; die Ähnlichkeit aber, auf die doch eigentlich 
 Wert gelegt ist, kann als solche nicht existieren, sondern nur bestehen. 
 Gelegentlich mag sich der Übergang von der Existenz zum Bestand 
 schon etwas formalistisch anlassen: so etwa, wenn man statt auf ein 
 gewisses wirkliches, also existierendes Buch Wert zu legen, auf die 
 Tatsache Wert legt, daß es existiert. Die Tatsache als solche aber kann 
 jedenfalls nicht wieder existieren, sondern nur bestehen; läßt sich also 
 von ihr Wert prädizieren, so ist, wie wenig wichtig das gegebenen 
 Falles auch sein mag, damit wieder dargetan, daß der Wert nicht etwa 
 prinzipiell auf Existenz beschränkt ist. 
 
 Als besonders wichtig wird sich uns erweisen,^ daß man auch 
 
 H* 
 
 1 Vgl. oben S. 50. 
 
 1 Vgl. auch A. Messer. „Psychologie". Stuttgart und Berlin 1914, S. 301f. 
 
 2 ..Psych, eth. Unters, z. Werttheorie", S. Uff. 
 
 3 Über den Gegensatz von Existenz und Bestand vgl. ,Über Möglichkeit 
 und Wahrscheinlichkeit" [Register]. 
 
 4 Vgl. unten II, § 8. 
 
