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 II. Die Werterlebnisse. 
 
 § 5. Wertgefühle als Seinsgefühle. 
 
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 welchem Gebiete diese Gegensätzlichkeit zu suchen sein möchte, 
 nicht wohl aufkommen: wenn die Dispositionen, Tendenzen und so 
 weiter nicht schon selbst auf Werte respektive Unwerte gerichtet sind, 
 so müssen sie entweder Lust- oder Unlustgefühle, immerhin even- 
 tuell auch entweder Begehrungen (im engeren positiven Sinne) oder 
 Widerstrebungen betreffen. Es gibt Dispositionen und Tendenzen in 
 Menge, denen zuzugehören keinen Wert oder doch keinen, positiven, 
 sondern einen negativen Wert ausmacht. Es erhellt daraus, daß nicht 
 schon die Zugehörigkeit zur Disposition den Wert konstituiert, für diesen 
 vielmehr auch die emotionale Natur des Dispositionskorrelates wesent- 
 lich ist. Dann erscheint aber doch wieder der Wert durch Bezugnahme 
 auf Erlebnisse bestimmt, und auch darin besteht Übereinstimmung mit 
 den Ergebnissen unserer bisherigen Untersuchungen, daß diese Wert- 
 erlebnisse unvermeidlich emotionaler Natur, also Gefühle oder Begeh- 
 rungen sein müssen. 
 
 Den Aufstellungen Th. Haerings ist damit keineswegs so diametral 
 entgegengetreten, als auf den ersten Blick scheinen könnte; ist es doch, 
 me wir sahen, bloß das „Innewerden" des Wertes, was er als „Wer- 
 tung" bezeichnet.* Im Gegensatze hiezu wird hinsichtlich dessen, was 
 wir unter dem Namen des Werterlebnisses zu bestimmen begonnen 
 haben, dem Werte, wenigstens soweit er persönlicher Wert ist^, viel- 
 leicht eine wesentlich konstitutivere Funktion zukommen, die unser 
 Autor gelegentlich^ selbst ins Auge zu fassen scheint. Die Möglichkeit 
 rein intellektuellen „Innewerdens" jedoch könnte leicht auch derjenige 
 zugestehen, der hinsichtlich der konstitutiven Erlebnisse vom Erfordernis 
 emotionaler Natur nicht absehen zu können meint. 
 
 Ob freilich unserem Autor der beabsichtigte Nachweis für die 
 ausschließlich intellektuelle Natur manchen „Wertinnewerdens", also 
 für den „intellektuellen Typus" desselben auch wirklich geglückt ist? 
 Seiner Berufung auf die Aussagen der Versuchspersonen ist ja doch 
 jedenfalls entgegenzuhalten, daß diese Aussagen selbstverständlich nicht 
 die Erlebnisse der Versuchspersonen, sondern nur deren Meinung über 
 ihre Erlebnisse darbieten. Diese Meinungen möchten aber einer prin- 
 zipiellen Modifikation bedürfen, wenn ich mit meinen Aufstellungen 
 über Phantasie-Emotionen,^ die auch den weiteren Ausführungen gegen- 
 wärtiger Schrift zugrunde zu legen sein werden, im Rechte bin und 
 auf die Bedacht zu nehmen unser Autor unterlassen hat. Hat man 
 
 1 Zweifelhaft ist mir, ob das ausnahmslos so gemeint ist, vgl. z. B. „Bei- 
 träge nsw."*, S. 9, „das unmittelbare Innewerden .... des ... . Wertes und 
 
 andererseits das relativ unabhängige Erlebnis eines solchen Wertes selbst\ 
 
 eine Gegenüberstellung, die ich mit der Identifikation nicht wohl in Einklang 
 
 bringen kann. ^ -, x^ ,. ^ i. j 
 
 2 Indes beim unpersönlichen Wert auch wir auf das Erfassen durch das 
 Werterlebnis zurückzukommen haben werden, vgl. unten IV, § 7. 
 
 3 Vgl. seine Stellungnahme zu meinen „Werthaltungen", „Beiträge usw. , 
 S. 48, einem Thema, auf das in gegenwärtiger Schrift erst weiter unter (II, § 9) 
 eingegangen werden kann. 
 
 * Vgl. „Über Annahmen"2, S. 309 ff. 
 
 nämlich, zum Beispiel in den Phantasiegefühlen Erlebnisse vor sich, 
 die, obwohl sie nicht aufhören, Gefühle (in ausreichend weitem Wort- 
 sinne) zu sein, sich ihrem Charakter nach doch in ähnlicher Weise 
 den Vorstellungen annähern wie etwa jene Denkerlebnisse, die wir 
 heute als „Annahmen" kennen, dann läßt sich sehr wohl verstehen, 
 wie Versuchspersonen, die mit diesen Tatsachen unzureichend vertraut 
 oder wohl gar theoretisch voreingenommen^ sind, das Vorhandensein 
 von Gefühlen rundweg in Abrede stellen können, wo ihnen Erlebnisse 
 entgegentreten, die in der Tat nicht den Gefühlen im altherkömmlichen 
 engen Sinne zuzuzählen sein mögen. Natürlich erhebt sich die Frage, 
 welchen Rechtsgrund wir haben, die Aussagen der Versuchspersonen 
 in dieser Weise zu interpretieren. Die Antwort hierauf kann nur auf 
 die Tatsache hinweisen, daß die Charakteristik eines Wertes als solchen 
 ohne Berufung auf gewisse Erlebnisse unmöglich ist, diese Erlebnisse 
 unvermeidlich Gefühle oder Begehrungen sind, solche emotionale Tat- 
 bestände aber, wie ich ebenfalls bereits an anderem Orte dargetan zu 
 haben^ hoffe, durch andere als selbst wieder emotionale Mittel nicht 
 erfaßt werden können. Damit ist dann freilich zugleich auch behauptet, 
 daß selbst, wenn man nur das „Innewerden" von Werten als Wert- 
 erlebnis wollte gelten lassen, dem emotionalen Typus kein ausschließlich 
 intellektueller Typus an die Seite gesetzt werden dürfte. 
 
 Was ich so als unberechtigte Intellektualisierung des Wert-, resp. 
 Wertungsgedankens bezeichnen möchte, scheint auch noch eine besonders 
 weite Anwendungs weise des Wortes ,,Wert'* sei es zum Motiv, sei es 
 zur Folge zu haben. Die Weiterführung unserer Hauptuntersuchung wird 
 uns alsbald Gelegenheit geben, auch hierauf mit einigen Erwägungen 
 einzugehen. 
 
 § 5. Wertgefühle als Seinsgefühle. 
 
 Sind wir sonach berechtigt, an der emotionalen Natur der Wert- 
 erlebnisse als Tatsache festzuhalten, so muß nunmehr zur Beantwortung 
 der weiteren Frage fortgeschritten werden, ob durch die Charakteristik 
 der Werterlebnisse einerseits als Gefühle andrerseits als Begehrungen 
 auch bereits alles zu ihrer Beschreibung Erforderliche beigebracht ist. 
 Bezüglich der Begehrungen, wie man dieses Wort gewöhnlich zu ver- 
 stehen pflegt, könnte das ganz wohl der Fall sein: erst in der Folge 
 wird darauf zurückgekommen werden können, daß der Begriff der 
 Begehrung eine Erweiterung gestattet, der gegenüber das, was man 
 
 1 Zumal das psychologische Experiment nebst vielem Guten gelegentlich 
 auch das Üble zu stiften scheint, daß man sich bei seiner Verwertung aller, 
 auch der guten psychologischen Tradition für überhoben hält. So scheint mir 
 jetzt E. Stern in der wunderlichen Lage zu sein, den erst bereitwillig aufge- 
 gebenen Urteilseredanken speziell für die Bedürfnisse des Wertgebietes wieder- 
 herstellen zu müssen (in der Abhandlung „Zur Frage der ,logischen' Wertung", 
 Archiv t. d. ges. Psychol. Bd. XXXIX, 1920). Daß ihm dies selbstverständlich 
 gelingt, wird indes kaum für eine experimentelle Verifikation der Haeringschen Auf- 
 stellungen gelten können, 
 
 2 „Über emotionale Präsentation", S. 26 ff. 
 
 Mein eng, Zur Grandlegung der aUg. Werttheorie. 4 
 
