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 II. Die Werterlebnisse. 
 
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 Erlebnisklassen hinsichtlich ihrer Stellung zum Werte in Anspruch 
 genommen werden müßte. Es ist vielmehr Tatsache, daß zwar Gefühle 
 sehr wohl ohne Begehrungen Werterlebnisse ausmachen können, dagegen 
 Begehrungen ohne Gefühle kaum, da Begehrungen gegenüber Gefühlen 
 weitgehende, wenn nicht völlige Unselbständigkeit zeigen. Daraus darf 
 geschlossen werden, daß den Gefühlen als Werterlebnissen den Begeh- 
 rungen gegenüber eine gewisse Vorzugsstellung zukommt, so daß man 
 die Gefühle vielleicht nicht unpassend als Hauptwerterlebnisse, die 
 Begehrungeu als Nebenwerterlebnisse bezeichnen könnte. 
 
 § 4. Die, ••Subsumierbarkeit" unter „Wertsphären" und das 
 
 „Innewerden" der Werte* 
 
 In der bisherigen Untersuchung ist einfacherer Darlegung halber 
 nicht darauf Bedacht genommen worden, daß dem hier als anscheinend 
 natürlichst eingeschlagenen Weg, der über das Werterlebnis und dessen 
 Bestimmung zum Wesen des Wertes gelangen möchte, neuerlich der 
 diametral entgegengesetzte vorgezogen worden ist^, der umgekehrt vom 
 Wert zum Werterlebnisse hinzuführen verspricht. Die in diesem Sinne 
 orientierte theoretische Bemühung verdient umso sorgfältigere Beachtung, 
 als darin zugleich der erste Versuch vorliegt, das experimentelle Ver- 
 fahren auch der Werttheorie, zunächst der Wertpsychologie, zugute- 
 kommen zu lassen. Das Verdienst, ein solches Verfahren inauguriert 
 zu haben, kann nicht zu hoch angeschlagen werden, auch wenn man 
 sich keinen Täuschungen darüber hingeben kann, daß durch ausschließ- 
 liche Anwendung der an sich sicher bestens bewährten Reizwörter- 
 methode doch nur ein ganz bestimmtes Tatsachengebiet, und zwar kaum 
 das charakteristischeste 2 gleichsam herausgeschnitten worden ist. Es 
 sind Versuche, in denen über Werte und Wertobjekte zunächst eben 
 geredet wird^, und zwar zumeist in Abwesenheit der Objekte, indes das 
 Verhalten zu wirklich vorliegenden Wertobjekten naturgemäß in den 
 Hintergrund treten muß. Immerhin wird aber auch auf diese Weise 
 Beachtenswertes erlebt, das für die Wesensbestimmung des Wertes 
 willkommene Hilfen abgeben könnte. 
 
 Dazu, entgegen unserem Verfahren, das Werterlebnis vom Werte 
 her zu bestimmen, findet sich unser Autor durch den Umstand hin 
 gedrängt, „daß die Schwierigkeit, die der Definition des Begriffes der 
 Wertung anhaftet, bei dem Begriff des Wertes nicht vorliegt. Deshalb 
 besteht der Ausweg, erstere mit Hilfe des letzteren vorläufig zu definieren. 
 Dies geschieht durch die einfache und doch wichtige Bestimmung, daß 
 nur ein solcher psychischer Vorgang (aber auch jeder solche) als wirk- 
 licher und genuiner Wertungsvorgang zu gelten hat, der einen Wert 
 
 1 Th. Haering, „Untersuchungen zur P vchologie der Wertung-^ Archiv 
 t d. ges. Psychologie, Bd. XXVI f., 1911 f. auch besonders. Leipzig 191*2, — 
 »Beiträife zur Wertpsychologie, insbesondere zum Be^'riff der logischen oder 
 Erkenntnis Wertung", Archiv f. d. ges. Psychol., Bd. XXXVIL 1917. 
 
 2 Vgl. übrigens des Autors eigene Bemerkung in „Beiträge'' a. a. 0.. S. 49 f. 
 
 3 Vgl. , Untersuchungen usw.", S. 81 ff. der Sonderausgabe. 
 
 § 4. Die „Subsumierbarkeit" xmter „Wertsphären" und das „Innewerden" 47 
 
 der Werte. 
 
 wirklich konstituiert, das heißt auf Grund dessen ein Wert wirklich für 
 das jeweilige Bewußtsein des Wertenden zustande kommt* ^ 
 
 Näher wird nun der Wert bestimmt, „als ein reales Verhältnis 
 eines undifferenzierten Etwas zu einer bestimmten Disposition, beziehungs- 
 weise »Tendenz«-, auch wohl zu „Charakteren, Einstellungen, . . . Zielen^ 
 Wertsphären* 3. Der „Werttatbestand" ist der „Tatbestand der Subsumier- 
 barkeit (Zugehörigkeit )"*. „Psychologisch, jedenfalls psychologisch- 
 genetisch, schließt jede Wertung eine Tendenz ein und ist ohne deren 
 Vorhandensein nicht denkbar; ebenso aber ist eine Tendenz .... ohne 
 Ziel, das ist ohne »Wert« nicht denkbar"^. Dem gegenüber ist das 
 Werterlebnis oder die „Wertung", „Innewerden eines »Wertes« (der 
 Wertrelation eines Gegenstandes ....), nicht »Schaffung« eines Wertes 
 
 (Wertverhältnisses )".^ Dem Typus der „Gefühlswertung" stellt unser 
 
 Autor^ als ein Hauptergebnis seiner experimentellen Beobachtungen^ den 
 Typus der „intellektuellen Wertung" an die Seite. Vom Standpunkte der in 
 gegenwärtiger Schrift durchgeführten Untersuchung liegt hierin zugleich 
 das Zurückgreifen auf ein von uns bereits verlassenes Stadium, sofern 
 uns nahezu selbstverständlich schien^, daß von emotionsfreien, alsO' 
 durchaus intellektuellen Werterlebnissen nicht die Rede sein könne. Auch 
 dem Austrage dieses Dissenses müssen hier einige Worte gewidmet sein. ' 
 
 Was zunächst den Anschein der Priorität des Wertes gegenüber 
 dem Werterlebnis anlangt, so schwindet er, sobald man berücksichtigt^ 
 daß der Wert seitens unseres Autors als Relation zu Dispositionen, 
 Tendenzen und dergleichen definiert wird. Dabei kann ganz davon ab- 
 gesehen werden, daß der Gedanke der Tendenz und seinesgleichen in 
 notgedrungener Verschleierung den der Begehrung oder Strebung zu 
 enthalten pfiegt. Umso weniger wird zu übersehen sein, daß jede Dis- 
 position auf etwas als auf das ihr charakteristische ,, Korrelat*, auf ihre 
 „Leistung" bezogen werden muß,^® ebenso die Tendenz, der Trieb, und 
 daß die Natur dieses Etwas keineswegs völlig unbestimmt gelassen 
 werden kann, wo es sich um Werte handeln soll. Es gibt ja bekannt- 
 lich nicht nur Dispositionen und Tendenzen zu Wertvollem, sondern 
 auch solche zu Wertwidrigem und wohl auch zu Wertindifferentem, 
 und da die Relation der „Zugehörigkeit" allemal dieselbe wird 
 bleiben müssen, so versteht sich, daß der Unterschied im Wertvor- 
 zeichen nur auf die gegensätzliche Beschaffenheit jenes „Etwas" 
 zurückgehen kann. Weiter wird dann aber ein Zweifel darüber, auf 
 
 1 A. a. 0., S. 64. 
 
 2 „Beiträge usw.". S. 38. 
 
 3 A. a. 0., S. 54. 
 * A. a, 0., S. 56. 
 
 5 A. a. 0.. S. 59. 
 
 6 A. a. 0., S. 42. 
 ■^ Ibid. u. ö. 
 
 8 „Untersuchungen usw.", z. B. S. 177 ff. der Sonderausgabe. 
 
 9 Oben S. 35. 
 
 10 Vgl. „Allgemeines zur Lehre von den Dispositionen" in den von mir heraus- 
 gegebenen „Beiträgen zur Pädagogik und Dispositionstheorie", Prag 1919, S. 43. 
 
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