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 II. Die Werterlebnisse. 
 
 
 nicht abzuweisen ist, die Natur der Werterlebnisse festzustellen. Ob 
 wirklich nur ein solches Werterlebnis anzutreffen ist oder deren mehrere^ 
 kann natürlich nur genauere Untersuchung entscheiden. 
 
 
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 IL Die Werterlebnisse- 
 
 § 1. Paradigmen konkreter Wertstellungnahme. 
 
 Da es uns, wie gesagt, darum zu tun ist, dem tatsächlich in 
 Anwendung stehenden Wertgedanken möglichst nahe zu bleiben, so 
 empfiehlt es sich, über seine Natur dort Aufklärung zu suchen, wo uns 
 der Wert in deutlichster und darum leichtest erfaßbarer Weise entgegen- 
 zutreten scheint. Das wird natürlich weit eher da der Fall sein, wo 
 wir den Wert in konkreter Ausgestaltung, als wo wir ihn etwa bloß 
 in abstracto erfassen. Kommt es bei der Charakteristik des Wertes auf 
 die Werterlebnisse an, so dürfen wir erwarten, in solchen leicht agnos- 
 zierbaren Wertfällen auch die wesentlichen Werterlebnisse deutlich 
 erkennbar auftreten zu finden. Als paradigmatisch dafür bietet sich 
 natürlichst einer jeuer Fälle dar, wo sich jemand im Besitze eines 
 Objektes befindet, dessen Wert für den Besitzer hoch genug ist, daß 
 dieser über die Tatsache des vorliegenden Wertes sich in keinerlei 
 Unsicherheit befindet. Das Objekt könnte etwa eine Kostbarkeit sein 
 an Gold und Edelsteinen oder sonst ein „Schatz", auch wohl einer, 
 wie ihn die Hausfrau vergangener Zeit in ihrem Leinenschrank zu 
 sammeln und zu hüten bemüht war, oder ein Meisterwerk bildender 
 Kunst, oder eines jener alten Saiteninstrumente, deren Geheimnis immer 
 noch nicht ergründet scheint, deren Besitz aber dem Spieler nicht viel 
 weniger bedeuten mag als dem stimmbegabten Sänger seine Stimme, 
 natürlich aber auch diese Stimme selbst und noch vieles andere. Das 
 einigermaßen sinnlich Wahrnehmbare sei dabei wenigstens für den 
 Anfang bevorzugt, aber nur der Durchsichtigkeit der Sachlage wegen, 
 indes, was aus dieser abzunehmen ist, sich dann auf die Gesamtheit 
 möglicher Wertobjekte ohne weiteres übertragbar erweist. 
 
 Versuchen wir also, uns das Charakteristische des Verhaltens 
 klar zu machen, vermöge dessen etwa der Musiker auf sein altes 
 Instrument „Wert legt": da wir voraussetzen wollen, daß dies, wie es 
 ja keineswegs selten vorkommt, in völlig bewußter Weise geschieht, so 
 handelt es sich um Feststellung von Erlebnissen, die durchaus in der 
 Sphäre des durch Selbstwahrnehmen Kontrollierbaren liegen. Ob der 
 Besitzer dabei ausdrücklich über den fraglichen Wert urteilt, ist von 
 nebensächlichem Belang; dagegen wird er das „Wertlegen ** nicht voll- 
 ziehen können, ohne an das Wertobjekt zu denken, es also seinem 
 Dasein und seiner Beschaffenheit nach intellektuell zu erfassen. Dieses 
 Erfassen allein aber ist jenes Wertlegen ^ jedenfalls noch nicht; kann 
 
 1 Ich gestatte mir hier vorübergehend die Anwendung dieses offenbar 
 unzureichenden Ausdnickes, an dessen Stelle sogleich nnten em leichter anzu- 
 wendender treten soll. 
 
 § 1. Paradigmen konkreter Wertstellungnahme. 
 
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 man glauben, daß, was noch hinzukommt, ebenfalls innerhalb der Sphäre 
 des Intellektuellen liegt? Durchmustern wir dieses Gebiet auch noch so 
 genau, wir können nichts darin antreffen, was dem Gegensatz des Wert- 
 vollen zum Unwertvollen, oder auch dem des gleichviel in welchem 
 Sinne Wertvollen zum Wertlosen, das heißt Wertindifferenten zur Grund- 
 lage dienen könnte. Intellektuell erfaßbar freilich sind in gewisser Weise 
 sicher auch diese Gegensätze sowie, cum grano salis wenigstens, am 
 Ende alles. Hier aber geht die Frage dahin, ob, um Werttatbestände 
 intellektuell erfassen zu können, überhaupt anderes als Intellektuelles 
 nicht erlebt zu werden, respektive erlebt worden zu sein braucht, in der 
 Weise etwa, wie man, um Physisches zu erfassen, eben nur die gegen- 
 ständlich auf Physisches gerichteten intellektuellen Erfassungsmittel, 
 zuletzt also die Empfindungen, erlebt. Daß auf die so gestellte Frage 
 mit Nein geantwortet werden muß, darüber ist heute wohl nahezu alle 
 Werttheorie in erfreulichster Weise einig: nicht leicht zweifelt jemand 
 daran, ^ daß wir, um mit dem Werte sozusagen in Fühlung gelangen zu 
 können, auch etwas Außerintellektuelles, also etwas im weitesten Sinne des 
 Wortes Emotionales^ erleben müssen. Da aber das intellektuelle Erleben ■ 
 dem Wertindifferenten gegenüber augenscheinlich dieselbe Stellung hat, wie , 
 dem inbetreff des Wertes Charakterisierten gegenüber, so darf behauptet 
 werden, daß, was dem Werte eng genug zugeordnet ist, um als Wert- 
 erlebnis bezeichnet werden zu dürfen, ganz wesentlich emotionaler 
 Natur sein muß. 
 
 Darf diese emotionale Natur unbedenklich sämtlichen Werterleb- 
 nissen ohne Ausnahme nachgesagt werden, so mag es ratsam sein, sich 
 vorerst nur auf Fälle von der Beschaffenheit der erwähnten Paradigmen 
 zu beschränken, wenn man konstatiert, daß die beim Verhalten zu diesen 
 sich einstellenden Emotionen jedenfalls Gefühle sind. Wenn der Musiker 
 sein Instrument nicht nur in der Weise erfaßt, wie das gleichgültigste 
 Ding von der Welt, dann erlebt er eben etwas, vermöge dessen es ihm 
 „wert ist", er erlebt Freude daran und Freude, welcher Determinationen 
 und Komplikationen sie auch fähig sein mag, ist zuletzt eben ein Gefühl, 
 das sich der Tatsache zuwendet nicht nur, daß das Instrument existiert, 
 sondern speziell der Tatsache, daß es als sein Instrument existiert, daß 
 es in seinem Eigentum oder etwa wenigstens in seinem Besitze ist. 
 Auf den Wert seines Instrumentes mag er etwa auch noch durch den 
 Gedanken bedachtnehmen, wie es wohl wäre, wenn er das Instrument 
 nicht im Besitze hätte: auch auf diesen Gedanken reagiert er dann mit 
 
 1 Eine Ausnahme macht vielleicht W. Strich („Das Wertproblem in der 
 Philosophie der Gegenwart", Leipziger Dissertation, Berlin 1909, S. 27), der in 
 semem, wie ich heute glaube (vgl. unten IV), ganz berechtigten Bemühen, dem 
 Werte eine unsubjektive Seite abzugewinnen, den emotionalen Anteil am Gedanken 
 der „Bedeutung*' zu niedrig angeschlagen haben dürfte. Über Th. Hae rings 
 Bedenken („Untersuchungen zur Psychologie der Wertung'*, Arch. f. d. ges. 
 Psychologie. Bd. XXVII. 1912, S. 70), vgl. unten II, § 4. 
 
 2 In so weitem Sinne, wie das Wort etwa in meiner Abhandlung „über 
 emotionale Präsentation" gebraucht ist, vgl. Sitzungsberichte der kais. Akademie 
 der Wissenschaften in Wien, philos.-hist. Kl., Bd. CLXXXIII, 1917. 
 
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