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 I. Vornntersuchnngen. 
 
 § 5. RückbUck. Die Beziehungen zum Subjekte. 
 
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 leicht hochbedeutsame Relation glauben, durch die Wert und Opfer an 
 einander geknüpft sein könnten; daß der Wert jedoch durch die Opfer 
 direkt ausgemacht werde, das würden wir uns deshalb schon nicht leicht 
 zu eigen machen können, weil eines jeden Erfahrung deutlichst bezeugt, 
 daß wir, wo wir uns des Wortes „Wert" bedienen, an Arbeit oder 
 sonstige ' Opfer tatsächlich nicht zu denken pflegen. Ein schlechthin 
 stringentes Gegenargument ist hierin freilich nicht gelegen: kein Naiver 
 denkt beim Worte „Kreis" an die Gleichheit des Abstandes vom Mittel- 
 punkte, er denkt an die . eigentümliche Kreisgestalt. Dennoch hat die 
 Geometrie die Gestaltvorstellungen zugunsten künstlicher, dafür aber 
 präziser ^ Definitionen aufgegeben und so anerkannt, daß man das, was 
 man bei den betreffenden Worten tatsächlich denkt, vor dem Forum 
 der Geometrie aus leicht anzugebenden Gründen nicht denken soll. Aber in 
 derNotwendigkeit, das tatsächliche Denken so dem DenkensoUen^ gewisser- 
 maßen zu opfern, liegt ein hoch genug anzuschlagender Mangel, um uns zu 
 veranlassen, wo möglich von der Definition eines Gegenstandes fern zu 
 halten, was eventuell besser der Theorie des betreffenden Gegenstandes 
 vorbehalten bleibt. So hat man im speziellen Falle des Wertes kein Recht, 
 den natürlichen Wertgedanken, wenn es sich vermeiden läßt, durch ge- 
 dankenfremde ^Momente zu verdrängen, möchten diese übrigens auch noch 
 so festhaltenswürdige Eigenschaften des Wertes ausmachen. Insbesondere 
 brauchten die alten Versuche, etwa Selbst- und Arterhaltung, oder neue 
 Versuche, namentlich Gesichtspunkte der Energetik für die Werttheorie 
 nutzbar zu machen, der Werttheorie keineswegs verlorenzugehen, wenn 
 man vorzieht, bei definitorischer Bestimmung des Wertes dem der Theorie 
 vorgegebenen Wertgedanken näher zu bleiben. 
 
 Blicken wir unter diesem Gesichtspunkte noch einmal auf die drei 
 oben näher untersuchten Konzeptionen zurück, so ist durch das eben 
 Dargelegte bereits gesagt, daß diejenige darunter, die günstigen Falles 
 die greifbarste Belehrung über das Wesen des Wertes versprochen hätte, 
 die Opfertheorie, doch zugleich die am wenigsten natürliche Bestim- 
 mung zur Diskussion gestellt hat. Dagegen sind die beiden anderen, 
 viel farbloseren Theorien, die, wenn man sie einigermaßen ungenau 
 nimmt, nicht viel mehr besagen, als daß Wert eben Wert ist, doch auf 
 alle Fälle die w^eitaus natürlicheren. Sie machen, nebeneinander gestellt, 
 darauf aufmerksam, daß es sich beim Werte um einen Tatbestand 
 handelt, der sich sozusagen von zwei Standpunkten aus betrachten läßt, 
 in denen zugleich die zwei charakteristischen Seiten dieses Tatbestandes 
 zum Vorschein kommen. Es gibt nichts und kann nichts geben, das in 
 einigermaßen verständlichem Sinne nützlich heißen könnte, ohne daß 
 dabei auf irgend jemand Bedacht genommen würde, dem es nützlich 
 ist. Und niemand hat ein Bedürfnis oder kann eines haben, das nicht, 
 
 1 Über Präzisionsgegenstände vgl. ,Über die Stellung der Gegenstands- 
 tbeorie im System der Wissenschaften", Leipzig 1907, S. 84. 88. auch , Zeit- 
 schrift für Phüosophie und philosophische Kritik% Bd. 129, S. 48fC., 15off. und 
 
 Bd. 130, S. 1 ff. .^ o . . 
 
 2 Vgl oben S. 3 auch „über Annahmen'* 2, S. 325 f. 
 
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 wie wir gesehen haben, ein Bedürfnis nach etwas wäre. So tritt in 
 Bedürfnis wie m Nützlichkeit neben dem objektiven Momente noch ein 
 subjektives zutage. Näher wird im Gedanken der Nützlichkeit dem 
 Objekte eine Beziehung zum Subjekte, im Gedanken des Bedürfnisses 
 dem Subjekte eine Beziehung zum Objekte zugeschrieben. Daß nun auch 
 im W ertgedanken nicht nur das objektive, sondern auch das subjektive 
 Moment vertreten ist, steht mindestens für den persönlichen Wert außer 
 Zweifel. Nicht minder deutlich ist, daß er in Betreff dessen, was ich 
 eben den Standpunkt der Betrachtung genannt habe, nicht der Analogie 
 des Bedürfnisses folgt, sondern der der Nützlichkeit, indem er nicht vom 
 Subjekte, sondern vom Objekte prädizierbar ist. Und indem es sonach 
 eine Beziehung zum Subjekt ist, vermöge deren ein Objekt, analog wie 
 es bei der Nützlichkeit der Fall ist, für wertvoll gilt, so ist damit bereits 
 die \ermutung nahegelegt, das für Werttatbestände eigentlich Charak- 
 teristische werde nicht so sehr im Objekt als im Subjekt zu suchen sein 
 Damit stimmt aufs beste die, wie es scheint, ganz unbegrenzte 
 Mannigfaltigkeit möglicher Wertobjekte. Es gibt wahrscheinlich nichts 
 Wirkliches^ und nichts, was wirklich sein könnte, dessen Beschaffen- 
 heit ihm verwehrte, unter ausreichend günstigen Umständen ein Wert- 
 objekt abzugeben. Das wird schon durch die Beziehungen gewährleistet 
 in denen das Objekt zu anderen Objekten stehen oder in die es treten 
 kann, vermöge deren ihm bald positiver, bald negativer, bald höherer, 
 bald medrigerer Wert zukommt, was zugleich erkennen läßt, daß nicht 
 nur die Beschaffenheit möglicher Wertobjekte, sondern sogar Wertgröße 
 und Wertvorzeichen bei demselben ungeänderten Objekte eine mindestens 
 sehr weitgehende, vielleicht vorgängig gar nicht in bestimmte Grenzen 
 emzuschließende Veränderlichkeit aufweist. Damit ist natürlich die Aus- 
 sicht, an samtlichen Wertobjekten ihrer absoluten Beschaffenheit nach 
 einen übereinstimmenden Zug aufzufinden, der sie als Wertobjekte 
 charakterisierte, so gut wie verschlossen. Es gilt sonach vom persön- 
 liehen Werte, was St. Witasek treffend von der Schönheit oder eigent- 
 lich allgemeiner von den „ästhetischen Eigenschaften" im gewöhnlichen 
 Wortsinne dargelegt hat^: gleich diesen liegt auch jener, obwohl er • 
 ohne Zweifel eine Eigenschaft an den betreffenden Objekten ausmacht 
 m gewissem Sinne doch auch außerhalb dieser Objekte. Und wie die 
 Ästhetik das Charakteristische, das sie in den Objekten für sich ver- 
 gebens gesucht hat, in einem Subjekte, genauer in gewissen Erlebnissen 
 des Subjektes aufzuzeigen bemüht ist, so wird auch die Werttheorie 
 kaum fehlgehen, wenn sie zum Zwecke der Charakteristik der Wert- 
 tatbestande vor allem nach einem ausreichend charakteristischen Erlebnis 
 sucht. Ich will dieses Erlebnis als „Werterlebnis'' bezeichnen und 
 kann dann unsere nächste Aufgabe so formulieren: es gilt, die Natur 
 des Werterle bnisses oder, faUs es deren mehrere sind, was vorgängig 
 
 nnten 11^8 5^ ^^^ Eventualität außerwirklicher, weil idealer Wertobjekte vgl. 
 
 Vn.KnJi?""?^^^^?.'^®^ allgemeinen Ästhetik, Leipzig 1904, S. 15 ff, ~ ein 
 Vorbehalt wird später zu nennen sein. ' 
 
 M e i n o n g, Zar Grundlegung der allg. Werttheorie. q 
 
