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 I. Voruntersuchungen. 
 
 Eindruck sogleich entscheidend bestimmen zu lassen. Wir wollen also 
 einen etwas näheren Einblick zu gewinnen versuchen. Es empfiehlt sich 
 zu diesem Ende, darauf aufmerksam zu sein, daß die Opf]er zu dem- 
 jenigen, dem sie im Sinne der uns beschäftigenden Auffassung Wert 
 verleihen, sich in zweierlei Stellung befinden können. Entweder es 
 handelt sich dabei um Opfer, die zur Herstellung, respektive Herbei- 
 schaffung des fraglichen Objektes bereits haben gebracht werden müssen, 
 oder um Opfer, die zur Erhaltung oder etwa im Verlustfalle zum Zwecke 
 der neuerlichen Verwirklichung des Objektes erst zu bringen wären. 
 Wir können die beiden Fälle als den der bereits gebrachten und den 
 der erst bevorstehenden Opfer auseinander halten und jeden Fall 
 besonders erwägen. 
 
 Beginnen wir mit den vergangenen Opfern. Man hätte sich also 
 etwa zu denken, daß durch Arbeit, die an einem Gegenstande ver- 
 richtet wird, sich eine Art Aufspeicherung von Wert in diesem Gegen- 
 stande vollzieht. Wirklich geschieht es ja zuweilen, wie oben schon 
 / erwähnt, daß uns eine Sache darum wert wird, weil wir so viel Mühe 
 auf sie haben wenden müssen.^ Aber diese Analogie könnte höchstens 
 dann der Hauptthese zu statten kommen, wenn diese auf die Voraus- 
 setzung gebaut wäre, derjenige, der das Opfer bringt und derjenige, 
 für den dadurch der Wert entsteht, müsse jedesmal eine und dieselbe 
 Person sein. Daran ist aber gar nicht zu denken; denn unter dieser 
 Voraussetzung dürfte ja Geschenktes, Ererbtes, Gefundenes, kurz irgend- 
 wie mühelos Gewonnenes auch nicht den geringsten Wert haben, was 
 der Erfahrung auf das Offenkundigste widerspricht, mag übrigens ceteris 
 paribus das Erworbene gegenüber dem überkommenen Besitz in Betreff 
 der ihm zuteil werdenden Schätzung auch noch so sehr im Vorteile 
 sein. Und wenn insbesondere die theoretischen wie die agitatorisch 
 praktischen Verfechter der Arbeitswerttheorie das Kapital immer wieder 
 als vorgetane Arbeit, als „Arbeitskristall" u. dgl. in Anspruch nehmen,- 
 so ist dabei sicher nicht an die Beschränkung auf ein einziges Subjekt 
 gedacht. 
 
 Sieht man daraufliin von der Einschränkung ab, die in der Vor- 
 aussetzung der Identität des opfernden Subjektes mit dem Wertsubjekte 
 liegen müßte, so kann man immerhin fürs erste die auf die Erzeugung 
 des betreffenden Wertobjektes aufgewendete Arbeit, respektive die Her- 
 stellungskosten als empirische Instanz zugunsten der vorhergehenden 
 Opfer in Anspruch zu nehmen versuchen. Gleichwohl ist nichts leichter, 
 als die These von den vorhergebrachten Opfern, wenn man sie sogleich 
 in ihrer Allgemeinheit in Betracht zieht, ad absurdum zu führen. Ihr 
 zufolge gäbe es ja streng genommen keine überfiüssige oder in diesem 
 Sinne vergebliche Arbeit: auch wenn ein Träger seine Last recht oft ziel- 
 los hin- und hertrüge, müßte daraus eine Wertsteigerung des Getragenen 
 resultieren. Wer recht Wertvolles besitzen wollte, brauchte weiter nichts, 
 
 1 Wieser, Ursprung und flauptgesetze, S. 104. 
 
 2 A. a. 0. S. 113. 
 
 § 4. Wert und Opfer, Kosten, respektive Arbeit. 
 
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 als recht teuer einzukaufen, indes die Praxis jedesmal, wo zwischen gleich 
 leistungsfähigen Dingen, die gleichwohl verschieden im Preise stehen, zu 
 wählen ist, unbedenklich das wohlfeilere vorzieht und diesem hiedurch den 
 größeren Wert zuerkennt. Derlei mehr praktischen Konsequenzen stehen 
 aber auch noch theoretische zur Seite, die besonders deutlich erkennen 
 lassen, wie fern doch die Opfertheorie in der uns beschäftigenden 
 Deutung bereits den lebendigen Werttatsachen steht. Nichts ist an diesen 
 auch schon einer oberflächlichen Beobachtung so auffällig wie ihre 
 Veränderlichkeit im Zusammenhange mit oft ganz zufälligen, das heißt 
 dem Wertobjekte äußerlichen Umständen; was aber an Kosten oder 
 Arbeit in einem Dinge gleichsam beschlossen liegt, das ist daran so 
 unveränderlich, wie irgend sonst ein Stück seiner Vergangenheit; der 
 Wert eines Dinges haftete nach der Opfertheorie diesem an als ein 
 character indelebilis. Und so weit geht die Entfremdung von den Tat- 
 sachen, daß der in Rede stehenden Auffassung, falls man nur die zu- 
 vor erwähnte Ausschließung jedes anderen Subjektes als des an der 
 Arbeit beteiligten außer Betracht läßt, geradezu das so grundlegend 
 charakteristische Moment der Persönlichkeit des Wertes verlorengegangen 
 wäre. Seine Vergangenheit hat ein Ding nicht mehr „für" dieses als 
 für jenes Subjekt; was in diesem Sinne Wert hat, scheint ihn für 
 jedermann gleich sehr haben zu müssen, mit anderen Worten: ein 
 durch vergangene Opfer konstituierter Wert wäre kein persönlicher 
 Wert mehr. 
 
 Versuchen wir also, ob sich die Dinge günstiger gestalten, wenn 
 wir statt der vergangenen die künftigen Opfer in Rechnung ziehen. 
 Fürs erste hat man das Gefühl^ daß die Position durch den Übergang 
 auf das Bevorstehende an innerer Vernünftigkeit gewinnt: denn daß 
 man ceteris paribus auf dasjenige mehr Wert legen wird, das im Ver- 
 lustfalle schwerer zu ersetzen wäre, das klingt ja im Grunde ganz 
 plausibel. Aber sieht man etwas näher zu, so erkennt man bald genug, 
 um welchen Preis dieser Schein von Vernünftigkeit erkauft ist: was 
 man damit auf sich nimmt, ist ein fehlerhafter Zirkel oder vielmehr, 
 es sind deren zwei. Zunächst drängt sich hier besonders deutlich ein 
 Moment der Beachtung auf, dessen oben im allgemeinen bereits gedacht 
 worden ist: sollte der Wert durch die unter Umständen zu gewärtigenden 
 Opfer wirklich erst ausgemacht werden? Sollte die Tatsache, daß etwas 
 im Verlustfalle schwer zu ersetzen wäre oder auch, daß es zu seiner 
 Erhaltung erhebliche Kosten oder Arbeit erfordert, wirklich für sich 
 allein einem Dinge besonderen Wert verleihen? Die Praxis urteilt jeden- 
 falls anders. Niemand wird, wenn er sich eine Schreibmaschine an- 
 schaffen will, ein System wählen, bei dem allfällige Reparaturen mit 
 besonders großen Schwierigkeiten verbunden wären. Und niemand wird, 
 wenn er zur Ausübung seines Berufes sich entweder auf ein Reitpferd 
 oder auf ein Zweirad angewiesen findet, das letztere deshalb nicht 
 wählen, weil es weder Futter noch Wartung braucht. Aber weiter, und 
 damit kommen wir eigentlich erst auf das handgreiflichst Entscheidende : 
 es gibt viele Dinge, die schwer oder gar nicht ersetzbar sind, und 
 
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