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 I. Vonintersuehungen. 
 
 § 3. Wert und Nützlichkeit. 
 
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 Sprachgefühl über eine gewisse Gegensätzlichkeit zwischen „nützlich" 
 und „angenehm" keinen Zweifel aufkommen. Dabei fällt noch nicht 
 einmal alles zwanglos unter den Gesichtspunkt des Angenehmen, was 
 diesem sonst darin verwandt ist, daß es sich in ähnlicher Weise wie 
 dieses nicht in das Nützliche einbeziehen läßt und gleichwohl Wert haben 
 kann, und noch dazu besonders hohen. Ein Kunstwerk, etwa ein Gemälde 
 oder eine Skulptur, kann ja von hervorragendem Werte sein; aber zu, 
 den nützlichen Dingen wird es höchstens derjenige zählen können, der 
 durch Verkauf desselben zu Geld zu kommen hofft. Wem solche Gedanken 
 fern liegen, der könnte das Kunstwerk immer noch eher angenehm als 
 nützlich nennen, wenn das Wort „angenehm" nur sozusagen gut genug 
 
 dazu wäre. 
 
 Es war im obigen wiederholt vom Werte der Freundschaft die 
 Rede ; wer aber könnte sagen, wozu Freundschaft oder der Freund als 
 solcher nütze ist? Daß sich ein Freund sehr häufig als sehr förderlich, 
 unter Umständen als unentbehrlich erweisen kann, soll darum natürlich 
 nicht angezweifelt werden; sicher aber ist, daß derlei mehr oder weniger 
 äußerliche Vorteile die Freundschaft nicht ausmachen und diese im 
 Prinzip auf keinerlei Vorteile dieser Art rechnet. Noch leichter mögen 
 solche Zufälligkeiten etwa bei einem Andenken auszuschließen sein, 
 das in den meisten Fällen ganz nutzlos sein wird, aber trotzdem hohen 
 Wert haben kann. Nebenbei ist vielleicht schon hier anzumerken, daß 
 weder beim Freunde noch beim Andenken jenes Lustgefühl namhaft 
 zu machen ist, um deswillen man auf das Augenehme wie auf das 
 Schöne Wert zu legen scheint. 
 
 Ist durch das Dargelegte der Mangel an Koinzidenz zwischen nütz- 
 lich und wertvoll auch bereits erwiesen, so empfiehlt es sich doch auch, 
 diesem Mangel noch etwas tiefer auf den Grund zu gehen. Er ist wohl 
 am leichtesten zugänglich in der schon dem täglichen Leben geläufigen 
 Gegensätzlichkeit von nützlich und angenehm. Die Rose oder vielleicht 
 noch deutlicher den Rosenduft nennt man angenehm; die Werkzeuge, 
 deren der Gärtner bedarf, um Rosen zu pflanzen und zu ziehen, nennt 
 , man nützlich. Nützlich ist eben ganz allgemein, was sich als Ursache 
 oder Bedingung eines Angenehmen erweist, etwas, das ein Mittel zum 
 Angenehmen darstellt. Nun greift aber das Nützliche auch über das 
 Gebiet des Angenehmen hinaus, indem es, um bei unseren obigen Bei- 
 spielen zu bleiben, sich auch dem Schönen und nicht minder dem An- 
 denken, ja selbst der Freundschaft gegenüber einstellen kann. Nützlich 
 sind ja dem Künstler die Geräte, die sein Handwerkszeug ausmachen, 
 dem Zuschauer etwa auch sein Opernglas. Nützlich ist, was dazu ver- 
 hilft, ein Andenken vor schädlichen Einwirkungen oder etwa vor fremder 
 Habsucht zu schützen. Nützlich ist mir am Ende auch, was einen bösen 
 Schein von mir fernhält oder zu zerstören gestattet, der sonst meinen 
 Freund mir entfremdet hätte. Ausschlaggebend ist hier augenscheinlich 
 überall das Moment der Mittelbarkeit, das dem Nützlichen als solchem 
 niemals fehlt, indes der Wert daran, wie sich gezeigt hat, keineswegs 
 gebunden ist. 
 
 Nun haben aber die Beispiele vom Andenken und vom Freunde 
 im gegenwärtigen Zusammenhange noch ein besonderes Interesse, indem 
 ihnen gegenüber die Frage entsteht, was da wohl beim Andenken oder 
 bei der Freundschaft dieselbe Rolle spielt, wie bei jenen beiden ersten 
 Beispielen das Angenehme und das Schöne. Wäre etwa der Zweck 
 nicht angenehm, dann wäre, das ist ja selbstverständlich, das Mittel 
 insofern auch nicht nützlich. Das Angenehme ist also unter den gegebenen 
 Umständen für die Nützlichkeit konstitutiv und man darf fragen, was 
 etwa beim Andenken oder bei der Freundschaft an die Stelle dieser 
 konstitutiven Annehmlichkeit tritt. Soviel ich sehe, gibt es hier keinen 
 anderen Bescheid als den, daß etwa die Aufbewahrungsgelegenheit im 
 Falle des Andenkens nur deshalb für nützlich gelten darf, weil das 
 Andenken eben von Wert ist, — und bei der Freundschaft wird es 
 schwerlich anders bewandt sein. Damit ist aber gesagt, daß wir es 
 hier mit Nützlichkeiten zu tun haben, die ganz direkt den Wert bereits 
 zur Voraussetzung haben, so daß, hier den Wert in der Nützlichkeit 
 bestehend zu finden, augenscheinlich einen vitiösen Zirkel in sich schließt. 
 Subsumiert man, was kaum gewagt und später^ noch ausdrücklich zu 
 rechtfertigen sein wird, auch Angenehmes, Schönes, Wahres unter 
 dem Gesichtspunkt des Wertvollen, dann darf der Vorwurf des Zirkels 
 auf jeden Versuch ausgedehnt werden, den Wert durch den Hinweis 
 auf Nützlichkeit zu bestimmen. Daß man, wie mir entgegengehalten 
 worden ist,^ die Nützlichkeit mit Hilfe des Zweckgedankens charak- 
 terisieren kann, wird daran kaum etwas ändern. Das liegt an der 
 noch zu berührenden^ Natur des Zweckgedankens, die ihn an den 
 Wertgedanken bindet. Hier scheint nur der Umstand irreführen zu können, 
 daß man etwas auch als Mittel zu einem sozusagen bloß hypothetischen 
 Zwecke betrachten, insofern also die Frage, ob dieser Zweck auch Wert 
 habe, in suspenso lassen kann. Aber dann hat man es eben auch nur 
 mit einem sozusagen hypothetischen Nutzen zu tun, dessen Abhängigkeit 
 vom Wert sich eben in diesem hypothetischen Charakter verrät. 
 
 Zusammenfassend läßt sich also sagen: Nützlichkeit konstituiert 
 und definiert den Wert nicht, einmal weil es Wertvolles gibt, das nicht 
 nützlich ist, dann aber auch, weil es Nützliches gibt, das bereits den 
 Wert zur unerläßlichen Voraussetzung hat, falls nicht alle Nützlichkeit 
 an Wert gebunden ist. Immerhin wird man aber auf das Formale einer 
 solchen Widerlegung nicht allzuviel Gewicht zu legen brauchen, sofern 
 dabei am Ende doch die Definition der Nützlichkeit einen wesentlichen 
 Anteil hat, diese Definition aber von arbiträrem Dafürhalten so schwer 
 frei sein mag als sonst eine Definition. Ganz unabhängig dagegen von 
 allfälligen Feinheiten in dieser Hinsicht bleibt die Tatsache, daß die 
 Betrachtungsweise, aus der heraus etwas als nützlich qualifiziert wird, 
 von der, aus der heraus man etwas wertvoll nennt, nicht wohl erheb- 
 
 1 Vgl. nnten IV, § 7. . . ^ 
 
 2 Vgl. W. Strich, „Das Wertproblem in der Philosophie der Gegenwart , 
 
 Berlin 1909, S.'2ff. 
 
 3 Vgl. nnten IV. 
 
 
