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 I. VornntersnchTiiigen. 
 
 § 3. Wert und Nützlichkeit. 
 
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 wenn er zum ersten iMale gewahr wird, daß Wert und Nützlichkeit 
 doch sehr wohl auseinandergehen, daß insbesondere etwas sehr nütz- 
 lich sein und doch allen Wertes entbehren kann. Hier hat, was bereits 
 oben unter dem Gesichtspunkte des Bedürfnisses vorübergehend zu 
 berühren war, seinen eigentlichen Ort: das individuelle Quantum Wasser, 
 das eben meinen Durst löscht, das individuelle Quantum Luft, das, in- 
 dem ich es einatme, meine Lebensfunktiouen im Flusse erhält, ist mir 
 in dieser Weise sicher ganz ausnehmend nützlich, dennoch wird unter 
 normalen Umständen dem einen so wenig als dem anderen auch nur 
 der geringste Wert beigemessen. Auch darüber, daß Eisen nützlicher 
 als Gold, Gold aber wertvoller als Eisen ist, besteht nicht leicht Un- 
 sicherheit; und auch weiter ließen sich die Beispiele häufen, um deren 
 willen die zuerst so plausible These vom Zusammengehen, wo nicht 
 von der Identität von Wert und Nützlichkeit, mindestens solange diese 
 einer näheren Bestimmung entbehrt, nun längst allgemein aufgegeben ist. 
 
 in der Geschichte der älteren Nationalökonomie macht sich das 
 Fehlschlagen einer anscheinend so natürlichen Betrachtungsweise ohne 
 Zweifel als einer der Hauptfaktoren geltend, die einer viel weniger 
 natürlichen Aufstellung, auf die ich im nächsten Paragraphen zurück- 
 komme, zu ganz unverdientem Beifalle verhelfen haben. Inzwischen ist 
 es der 'nationalökonomischen Forschung der letzten Jahrzehnte gelungen, 
 dem Nützlichkeitsgedanken eine Wendung zu geben, durch die gerade 
 das entfällt, um deswillen er vorher für die Charakteristik des Wertes 
 unbrauchbar gemacht schien. Im Hinblick hierauf ist hier also auf das 
 Verhältnis von Nützlichkeit und Wert ausdrücklich einzugehen und vor- 
 erst etwas ganz Vorläufiges darüber festzulegen, was mit dem Worte 
 „Nützlichkeit" eigentlich gesagt sein will. 
 
 Aufschluß hierüber bieten tausend Erfahrungen des täglichen 
 Lebens. Ein Messer nützt mir, indem ich damit schneide, ein Mikro- 
 skop, indem ich damit beobachte und so fort. Faßt mau das Gemein- 
 same in dem hier außerordentlich Verschiedenen zusammen, so läßt sich 
 sagen: Was nützt, ist insofern Ursache, genauer Teilursache, Bedin- 
 gung von etwas, das man eben den Nutzen nennt. Nützen heißt also 
 soviel, als einen Nutzen realisieren helfen, — eine schon dem Wort- 
 laute nach nicht viel mehr als tautologische Aufstellung. Daneben kann 
 Nützen immerhin auch in einer anderen Kausation bestehen, in einem 
 Verhindern nämlich, wenn das zu Verhindernde ein Schaden ist. Daß 
 so in den Gedanken des Nutzens etwas wie eine Zwiespältigkeit 
 hineinkommt, braucht uns im gegenwärtigen Zusammenhange nicht zu 
 stören. — Daß in analoger Weise der Gedanke der Schädlichkeit auf 
 das Schaden zurückzuführen, dieses aber durch Bezugnahme auf den 
 Schaden zu bestimmen ist, bedarf weiter keiner Ausführung. 
 
 Diese freilich noch sehr bescheidene Präzisierung des Nützlichkeits- 
 gedankens eröffnet nun insofern einige Aussicht, ihn nun doch der 
 Bestimmung des Wertes zugute kommen zu lassen, als es möglich 
 ist, jene alten Paradoxien über das Auseinanderfallen oder gar die 
 Gegensätzlichkeit von Nützlichkeit und Wert mit leichter Mühe zu be- 
 
 seitigen. Fanden wir eben dasjenige nützüch, was als wie immer 
 geartete Teilursache eines Nutzens auftritt oder auftreten kann, so 
 braucht man nun einem solchen Nützlichen nur in dem Maße Wert 
 zuzusprechen, als die Realisierung des Nutzens gerade an diesem Dmge 
 und keinem anderen als an seiner Bedingung hängt. Tut man dies, so 
 ist leicht zu erkennen, wie die in Rede stehenden Unzukömmlichkeiten 
 entfallen. Das Wasser, das ich trinke, die Luft, die ich einatme, bringen 
 mir in ihrer Weise großen, eventuell vitalen Nutzen; man könnte aber 
 nicht sagen, daß dieser Nutzen gerade an ihnen hängt, derart, daß, 
 wenn sie nicht da wären, auch der Nutzen nicht verwirklicht würde. 
 Hätte ich das Wasser im Becher ausgeschüttet, statt getrunken, dann 
 hätte ich mir eben unter gewöhnlichen Umständen ein anderes Wasser 
 aus der Quelle oder dem Brunnen geschöpft, und nur wenn dies ver- 
 möge Wassermangels ausgeschlossen gewesen wäre, hätte die Stillung 
 meines Durstes an dem Wasser im Becher gehangen, dann aber wäre 
 auch der W^ert des Wassers ein seinem Nutzen entsprechender gewesen. 
 Ähnlich wird es mit Eisen und Gold stehen. Es sind ohne Zweifel sehr 
 wichtige Leistungen, bei denen ich des Eisens nicht entraten kann, 
 aber das kommt dem Werte dieses oder jenes Stückes Eisen wenig zu 
 statten, weil, wenn mir das eine Stück abhanden kommt, leicht genug 
 ein zweites an Stelle des ersten in Verwendung genommen werden 
 kann. Die Leistungen des Goldes mögen dagegen an sich keinen gleich 
 großen Nutzen repräsentieren wie die des Eisens, aber der Ersatz eines 
 fehlenden Stückes durch ein anderes ist hier um so vieles weniger 
 leicht, daß man sehr wohl begreifen kann, wie, wenn es sich um die 
 Größe des von diesem Stücke abhängigen Nutzens handelt, sich das 
 gegebene Gold dem gegebenen Eisen überlegen zeigt. Bestimmt sich 
 also der Wert auch nicht nach dem Nutzen kurzweg, so könnte er sich 
 doch ganz wohl nach einer Art Determination des Nutzens, man möchte 
 vielleicht sagen dem abhängigen Nutzen,^ bestimmen. Stellt man, etwa 
 nur zum Zwecke vorübergehender Verständigung, im Hinblicke hierauf 
 der Nützlichkeit kurz die „abhängige« Nützlichkeit gegenüber, so kann 
 man einfach sagen: Wert ist zwar nicht Nützlichkeit kurzweg, wohl aber 
 diese „abhängige" Nützlichkeit. 
 
 Darf man nun aber auch wirklich darauf rechnen, daß jeder Wert- 
 fall sich dieser abgeänderten Charakteristik fügt? Man kann mit Recht 
 auf eine Rose Wert legen um ihres Aussehens oder um ihres Duftes 
 willen. Aber worin besteht hier eigentlich der Nutzen, den sie stiften 
 und der eventuell auch von ihr abhängen kann? Das, wozu mir die 
 Rose hier verhilft, ist ein Gefühl von Befriedigung, ein Lustgefühl im 
 weiten psychologischen Sinne; das aber nennt niemand einen Nutzen. 
 Darum sagt man auch ganz natürlich von der Rose, sie sei mir angenehm, 
 nicht aber, sie sei nützlich ; und ganz im allgemeinen läßt das natürliche 
 
 1 Es ist im Grunde natürlich kern anderer Gedanke als der, von dem 
 die moderne Nationalökonomie unter dem Namen des Grenznutzens so umfassende 
 Anwendung macht. Vgl. auch meine Ausführungen „über W erthaltung und Wert , 
 Archiv f. systemat. Philos., 1895, Bd. I, S. 333 ff. 
 
 
