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 I. Vonmtersnchnngen. 
 
 § 2. Wert und Bedürfnis. 
 
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 Im FaUe des Wissens um den Mangel liegt es nahe, das Man- 
 gelnde herbeizuwünschen, zu begehren, zu erstreben: man hat deshalb 
 auch das Begehren, wohl gar speziell das Wollen für allem Bedürfnis 
 wesentlich gehalten, sogar das Bedürfnis selbst als Wünschen respeküve 
 Wollen definiert.' Letzteres dürfte schon sprachlich nicht angehen, 
 sollte selbst das Wollen dem Bedürfnisse wesentlich sein, so ist dieses 
 doch nicht selbst ein Wollen, sondern die Tatsache, daß etwa ein Objekt 
 mangelt, das daraufhin begehrt wird oder dergleichen.^ Aber ich =!weitte 
 daß man auch nur das Vorhandensein eines Begehrens für )eden Fall 
 selbst eines ganz oder vollständig erlebten Bedürfnisses anders als ex 
 deflnitione in Anspruch nehmen könnte und daß die oben an zweiter 
 Stelle erwähnten Fälle sozusagen teilweisen Erlebens wieder anders als 
 ex deflnitione aus dem Bereiche des Bedürfnisses auszuschließen waren. 
 Eine hiezu geeignete Definition aber zu dekretieren,» damit wäre unserer 
 Einsicht in die Einschlägigen Tatsachen kaum in irgend einer Hinsicht 
 wirklich gedient.* Dagegen möchte es, wenigstens für unsere gegen- 
 wärtigen Zwecke ausreichen, den Tatbestand des Bedürfnisses soweit 
 es erlebbar ist. durch den Hinweis darauf zu charakterisieren daß mi 
 ein solches nach dem haben, was uns abgeht, wenn es nicht da ist 
 In diese Kennzeichnung ist nicht nur neben dem .effektiven auch das 
 „latente«,' sondern sogar neben dem unbefriedigten auch das befriedigte 
 
 Bedürfnis einbezogen. . r, . • „„-„., Vr- 
 
 Weil aber dieses „Abgehen" eben stets eine Sache inneren Er- 
 lebens bleibt, die sich nie ohne Künstlichkeiten, oft aber auch wie wir 
 oben gesehen haben, überhaupt nicht durch Hinweis auf Selbst- oder 
 Arterhaltung ersetzen läßt, so ergibt sich auch bereits aus dieser bei- 
 läufigen Charakteristik des Bedürfnisses, daß, sofern diese Charakteristik 
 durch eine sozusagen erlebnisfreie nicht zu ersetzen ist, auch nicht von 
 anderen als erlebbaren Bedürfnissen geredet werden kann. Was wir an 
 sprachlichen Gegeninstanzen vorgefunden haben, wird dann auch dem 
 Verständnis keine erheblichen Schwierigkeiten bereiten. Die Bedurfnisse 
 der Tiere vor allem stehen der obigen Bestimmung überhaupt nicht 
 als QegenfäUe gegenüber: unser so außerordentlich unvollkommenes 
 tierpsychologisches Wissen bietet mindestens, soviel ich sehe, keinen 
 Grund, die Tiere in dieser Sache prinzipiell anders zu behandeki als 
 . die Menschen. Auch den Pflanzen in einer irgendwie ähnlichen Weise 
 Bedürfnisse zuzutrauen, wird man heute um so weniger von der Hand 
 
 1 n ifrans Das Bedürfnis'. Leipzig 1894, S. 7, 48. . „ , 
 
 '2 BkSht: was Vielleicht im Hinblick auf die nnten zn treffenden 
 ^Bestimmungen nicht ohne Interesse ist nnd daher hier vorgreifend berührt sei, 
 
 ^^^'^'fy^r^ifvlrsncht zn zeigen, ,daß der Nationalökonom nicht minder 
 als der Psychologe nnter Bedürfnis^ nichts anderes verstehen dart und kann 
 
 ^' ^ ^4- Ganz^' abgesehen von seltsamen kasuistischen Konsequenzen wie der, 
 daß daraufhin den .Säuglingen« Bedürfnisse bedingungsweise (a. a. 0. S. 17), 
 den Tieren ohne Vorbehalt (S. 19 ff) abgesprochen werden. 
 5 Vgl. Kraus, a. a. 0. S. 16. 
 
 weisen können, je größer die Zahl der Tatsachen wird, durch deren 
 Aufdeckung die botanische Forschung der letzten Jahre trotz weitest- 
 gehender Zurückhaltung den Ahnungen Fechners unerwartet exakte 
 Stützen beigebracht hat. Außerdem stehen aber auch demjenigen, der 
 dem Pflauzenleben eine psychische Seite zuzutrauen Bedenken tragen 
 mag, immer noch zwei Wege offen, den oben bestimmten Bedürfnis- 
 gedanken ins Pflanzenreich zu übertragen. Man kann, immerhin zunächst 
 auf Grund physischer Analogien, den Pflanzen eine menschen- oder 
 tierähnliche Innenseite andichten und, diese Fiktion weiterführend, dann 
 auch von Bedürfnissen der Pflanze reden. Man kann aber auch ungenau 
 das als Bedürfnis an der Pflanze bezeichnen, was genau genommen 
 unser eigenes Bedürfnis an der Pflanze heißen müßte: insofern redet 
 man ja wirklich auch leichter von dem, was die Zier- oder Nutzpflanze 
 „braucht", als von Bedürfnissen beim Unkraut. Überdies lassen sich 
 aber diese beiden Gesichtspunkte, insbesondere aber der letztere, nun 
 auch auf das Leblose anwenden. Es war ja oben bereits darauf hinzu- 
 weisen, wie die natürliche Wortanwendung hier nicht leicht die Sphäre 
 dessen überschreitet, was mit menschlichen Bedürfnissen in ausreichend 
 enger Beziehung steht. Man wird also schwerlich fehlgehen, wenn man 
 im Bedürfnisse jedenfalls ein in der obigen Weise näher zu bestim- 
 mendes, innerlich Erlebbares sieht, das bloß unter Umständen, wie das 
 ja auch sonst oft genug begegnet, durch Übertragung eine Art schein- 
 barer Gebietserweiterung in die Sphäre des Leblosen hinein erfahren hat. 
 Es gilt nun nur noch festzustellen, ob der in dieser Weise geklärte 
 Bedürfnisgedanke gestattet, den Wert auf ihn zurückzuführen. Auf die 
 genauere Ausgestaltung einer solchen Zurückführung braucht nicht näher 
 eingegangen zu werden. Insbesondere ist es entbehrlich, dabei zu ver- 
 weilen, ob man die Zurückführung einfach durch die Bestimmung voll- 
 zieht, Wert habe etwas, sofern es der Befriedigung eines Bedürfnisses 
 dient, oder ob man zwischen Bedürfnis und Wert etwa noch den Begriff 
 des Gutes einschiebt, das heißt das, was das Bedürfnis befriedigen kann, 
 als Gut definiert, dem dann erst wieder unter gewissen Einschränkungen 
 Wert zuerkannt wird.^ Man kann sich nämlich, soviel ich sehe, leicht 
 davon überzeugen,, daß das Gebiet der Bedürfnisse schon ganz ohne 
 alle Einschränkung dem Gebiete des Wertes gegenüber viel zu eng ist. 
 Dies erkennt man, wenn man sich die Frage vorlegt, ob alles, worauf 
 wir eventuell Wert legen, uns auch abgeht, wenn wir es nicht besitzen, 
 respektive wenn es überhaupt nicht existiert. Wir werden auf diese 
 Frage in werttheoretisch genauerer Formulierung noch zurückkommen ; 2 
 für jetzt genüge der Hinweis auf die vielen Luxusgüter, von denen 
 der letzte große Krieg so vielfach hat erfahren lassen, wie leicht man 
 mit etwas gutem Willen ihrer entraten kann, ohne daß sie darum als 
 wertlos zu bezeichnen wären. Daß Gewöhnung so leicht den meist in 
 hohem Grade disteleologischen Effekt hat, aus Gütern dieser Art Bedürfnis- 
 
 1 Vgl. C. Meng er, .Grundsätze der Volkswirtschaftslehre*, S. 2. 
 
 2 Vgl. unten HI, § 2. 
 
 Mein eng, Zur Grundlegung der allg. Werttheorie. 2 
 
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