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 I. Voruntersuchungen. 
 
 § 1. Vom Anwendungsgebiet des Wortes „Wert". 
 
 
 Wert nachzusagen in der Lage ist, so wenig wird man sich doch dem 
 Eindrucke verschließen können, daß wer von Wert spricht, wenigstens 
 zunächst anderes als das bisher namhaft Gemachte im Auge zu haben 
 pflegt. Um so leichter bieten sich dagegen in der Regel die Dinge dar, 
 die schon das tägliche Leben mit Vorliebe als ,, Wertgegenstände" bezeich- 
 net, jene Kostbarkeiten von Gold und Edelstein, denen das Denken und 
 Trachten der einzelnen wie der Völker sich stets so eifrig zugewendet 
 hat, und denen das Unverhältuismäßige ihrer Bedeutung zu nehmen, 
 vielleicht einer der wichtigsten Erfolge wahren Bildungsfortschrittes sein 
 möchte. Das sind im ganzen Dinge von sehr großem Wert, denen man 
 leicht andere an die Seite stellen kann, die vielleicht aus allerlei Gründen 
 nicht geeignet sein werden, Bestandstücke eines Schatzes auszumachen, 
 die aber ihren — immerhin vielleicht geringeren — Wert daran erkennen 
 lassen, daß auch sie Geld kosten und daß für sie in der Tat auch Geld 
 aufgewendet wird. Dieses Geld selbst, für das so erstaunlich vieles zu 
 haben ist — in gewissem Sinne bekanntlich sogar wieder Geld — , 
 stellt sich dabei wohl gar wie der gewissermaßen konzentrierte, aller 
 Nebensächlichkeiten, darunter freilich auch jeden Schimmers entkleidete 
 Wert dar; aber auch wer nicht so weit gehen mag, findet leicht die 
 Tatsachen, die eine Betrachtung unter dem Gesichtspunkte des Wertes 
 gestatten, aufs engste und in ganz wesentlicher Weise mit jener 
 menschHchen Tätigkeit verknüpft, die man mit dem Worte „wirtschaf- 
 ten" zu bezeichnen pflegt. Man findet den Wert insofern dort, wo man 
 wirtschaftet oder wirtschaften kann und man könnte daraufhin ver- 
 suchen, die Gruppe der Werte, die uns jetzt beschäftigt, als die der 
 wirtschaftlichen oder ökonomischen Werte zu charakterisieren. 
 
 Inzwischen überzeugt man sich leicht davon, daß man Werttat- 
 sachea der gegenwärtigen Gruppe auch dort antreffen kann, wo die 
 wirtschaftende Tätigkeit keine Anariftspunkte mehr findet, mithin auch 
 das Gebiet der Ökonomik überschritten ist. Wer einen kleinen oder 
 großen Erfolg errungen hat, der wird darauf, daß ihm dies geglückt 
 ist, einen entsprechend geringeren oder größeren Wert legen, aber 
 normaler Weise jedenfalls irgend einen Wert, obwohl es sich hier um 
 etwas Vergangenes handelt, das als solches wohl nicht mehr Objekt 
 einer wirtschaftenden Tätigkeit sein kann. Ähnlich steht es mit an- 
 deren Erlebnissen der Vergangenheit, zum Beispiel: Zusammentreffen 
 mit bedeutenden Persönlichkeiten, überwundene Gefahren und anderes, 
 — jene Vergangenheitswerte, die zu dem Wenigen gehören, um d&^ 
 man mit zunehmenden Jahren wirklich reicher wird. Übrigens bietet 
 aber die Vergangenheit zwar besonders handgreifliche, aber keineswegs 
 die einzigen Fälle von Werten dar, die eine ökonomische Betrachtungs- 
 weise nicht gestatten. Durchaus hiehergehörig und in keiner Weise an 
 die Zeit gebunden ist vieles im Verhältnisse von Mensch zu Mensch: 
 nicht nur vergangene Freundschaft ist mir wert, sondern noch mehr 
 die gegenwärtige, und nicht nur die Freundschaft, sondern noch mehr 
 der Freund. Und wie er mir wert ist um der Eigenschaften willen, 
 aus denen sich in einer mir mehr oder weniger durchsichtigen Weise 
 
 seine Persönlichkeit zusammensetzt, so sind mir eventuell auch einzelne 
 dieser Eigenschaften und deren Träger wert, auch wenn diese nicht 
 meine Freunde sind: in dieser Weise schätzt man Mut, Entschlossen- 
 heit, Wohlwollen, künstlerische Begabung, Klugheit und vieles andere. 
 Daß auch hier von Wirtschaft nicht wohl die Rede sein kann, ist im 
 allgemeinen selbstverständlich; im einzelnen kann es zweifelhaft 
 werden, insofern eine Verbindung mit wirtschaftlicher Tätigkeit sich 
 sozusagen per accidens einstellen kann. Ein Andenken kann durch 
 Kauf zu erwerben sein ; eine Fähigkeit, die der Anerziehung oder Aus- 
 bildung bedarf, kann man zu erwerben oder jemandem zu eigen zu 
 machen streben und dafür Geldopfer bringen. Nicht einmal die Ver- 
 gangenheitswerte sind vor jeder Art Einbeziehung ins Gebiet des Öko- 
 nomischen sicher: man scheut die großen Kosten einer weiten Reise 
 nicht, weil man davon eine „Erinnerung fürs Leben" zurückzube- 
 halten hofft und dergleichen. Aber fließende Übergänge können doch 
 nur für oberflächliche Betrachtungsweise die Verschiedenheit dessen 
 verdunkeln, zwischen dem sie bestehen, und so setzen denn Tatsachen, 
 wie die oben festgestellten außer Zweifel, daß es neben ökonomischen 
 Werten unserer Gruppe auch außerökonomische gibt. Zur Charakteristik 
 der Gruppe wird also etwas anderes als der Hinweis auf die wirt- 
 schaftliche Tätigkeit verwendet werden müssen. 
 
 Man findet das Gesuchte in dem Umstände, daß die Werte unserer 
 Gruppe eine eigenartige Beziehung zwar nicht obligatorisch zu einem 
 wirtschaftenden Subjekt, aber doch jedenfalls zu einem Subjekt auf- 
 weisen, der gemäß sich jeder solche Wert als ein Wert für irgend 
 jemanden darstellt. Schon. für den Wert des Geldes, noch deutlicher 
 aber für den eines Andenkens ist es doch ganz wesentlich, daß jemand 
 da ist, für den das betreffende Objekt Wert hat. In diesem Sinne hat 
 ja auch, wie berührt, schon die ältere Nationalökonomie dem objektiven 
 Werte den subjektiven gegenüber gestellt. Für die allgemeine Wert- 
 theorie, die als philosophische Disziplin auf die Fühlung mit den philo- 
 sophischen Schwesterdisziplinen in besonderem Maße angewiesen ist, 
 wird es sich indes empfehlen, die gegensätzlichen Termini „subjektiv"' 
 und „objektiv" — respektive „unsubjektiv" ^ — in ihrer viel weiteren, 
 allgemeineren, höchstens durch erkenntnistheoretische Intentionen deter- 
 minierten Bedeutung zu belassen, dafür aber, einer ebenfalls von national- / 
 ökonomischer Seite ergangenen Anregung Folge gebend,^ die Werte j 
 unserer Gruppe als persönliche Werte zu benennen.^ 
 
 Den so unter dem Namen des persönlichen Wertes einigermaßen 
 festgelegten Tatbeständen tritt vermöge natürlicher Gegensätzlichkeit 
 
 1 Vgl. „Über Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit", S. 32, aber auch 
 C. Stumpfs immerhin etwas enge Bestimmung in „Zur Einteilung der Wissen- 
 schaften" (Abhandl. d. preuß. Akad. d. Wiss. vom Jahre 1906), Berlin 1907, S. 9. 
 
 2 Vgl. meinen Hinweis auf F. v. Wiese r im Bologneser Kongreßvortrage 
 „Für die Psychologie and gegen den Psychologismus in der allgemeinen Wert- 
 theorie'', Logos, Bd. III, 1912, S. 2. 
 
 3 Zu ähnlicher Ausdrucks weise scheint gelegentlich auch H. Rick ert zu 
 tendieren, vgl. „Vom BegrifE der Phüosophie", Logos, Bd. I, 1910, S. 16. 
 
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