§ 7. Der unpersönliche Wert.
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wollen, was mehr als bloß phänomenal ist, wir eventuell auf gewisse
einzelne Relationen oder auch Erscheinungsgesetze geführt werden. Das
„objektivierte“ Grün kommt insofern dem Buch in der Tat nicht vor-
behaltlos zu diesem eignet viel eher nur die Eigenschaft, bei Tages-
licht grün auszusehen und darin liegt zweifellos eine Relativität. Aber
der Gegenstand „Grün“ ist darum doch nicht selbst relativ und relativ
ist auch nicht die uns etwa direkt unbekannte Eigenschaft, um derent-
willen das Buch bei Tage grün erscheint. Und wären einmal die Wahr-
nehmungsbedingungen günstig genug, daß die eben berührte Relativität
außer Betracht käme, so könnte der absolute Charakter des Gegen-
standes des Wahrnehmungserlebnisses auch der loyalen Ausnützung
dieses Erlebnisses zu statten kommen. In gleicher Weise ist nun von
dem durch das Gefühl, insbesondere das Wertgefühl präsentierten Gegen-
stande zu sagen: an sich ist er absolut und ob er in den auf emo-
tionale Präsentation gegründeten Wahrnehmungsurteilen in seiner Absolut-
heit oder in irgend einer Relation zur loyalen Geltung kommt, das
braucht derjenige zunächst noch gar nicht zu entscheiden, der doch
den absoluten Charakter des so präsentierten Gegenstandes in Anspruch
nimmt. Sagt uns im Grunde die emotionale Präsentation direkt und
allein, was der Wert ist, dann sagt sie uns auch, daß dieser Wert ;
ein Absolutes ist. Sollte sich dann freilich zeigen oder allgemein er-
weisen lassen, daß von diesem absoluten Gegenstande nirgends loyale
Anwendung zu machen ist, dann müßte man freilich den so auf
direkte Erfahrung gegründeten Wertgedanken fallen lassen und mit
dem Gedanken des relativen Wertes zufrieden sein. Zunächst aber
handelt es sich ja darum, den möglichst natürlichen Wertgedanken
dadurch zu seinem Rechte gelangen zu lassen, daß man sich sein (wie
mir scheint, absolutes) Wesen klar macht und ihm gegenüber nicht
bereits den Standpunkt vorgängiger Ablehnung bezieht, zu der, wie
sich nun wohl gezeigt hat, kein Grund vorliegt.
Zugleich dürfte sich auch herausgestellt haben, daß man bei
sich und anderen gegen den absoluten Wert nicht in der Weise Stimmung
machen darf, daß man dem Verteidiger solchen Wertes den Anspruch
auf apriorisches Wissen über diesen imputiert,2 um ihn dann durch
Hinweis auf den so unvollkommenen Zustand unserer näheren Kennt-
nis dieser Sache ins Unrecht zu setzen. An sich spricht die Analogie
der emotionalen Präsentation mit sinnlicher Wahrnehmung durchaus
nicht für ein Apriori und daß das Gefühl als empirisches Erfassungs-
mittel hinter dem Vorstellen, zunächst also Empfinden zurückstehen
werde, das zu vermuten liegt mindestens sehr nahe. Immerhin mag
man sich aber der Prognose in so schwieriger Sache vorerst besser
enthalten und alles Weitere dem Verlauf der im wesentlichen doch
erst in Angriff zu nehmenden Untersuchung überlassen. [41]
1 Vgl. meine Ausführungen „Über die Erfahrungsgrundlagen unseres
Wissens", S. 91 ff.
2 „Grundzüge einer neuen Wertlehre", a. a. O., S. 370, 372 f., 376.
3 A. a. O., bes. Kap. IV. und V.
