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IV. Der Wertgedanke.
stimmung zwischen diesen drei Wertarten, daß die Frage nach einem
Subjekte für dieselben in jedem dieser Fälle vorerst gleich ferngerückt
erscheint. Zwar weist bei näherer Betrachtung die Verschiedenheit
dessen, was unter verschiedenen Umständen gefällt, respektive für gut
gehalten wird, wieder auf den Anteil von Wertsubjekten hin. Aber daß
für mich schön und noch mehr, daß für mich gut sein soll, was für
einen anderen häßlich und vollends schlecht ist, damit kann sich,
wenigstens seinem unmittelbaren Fühlen nach, auch der Theoretiker
schwer abfinden. Der Appell an ein möglichst umfassendes Kollektiv-
subjekt kann dann ohne Zweifel viele Härten mildern und speziell auf
ethischem Gebiete habe ich selbst durch Hinweis auf die „umgebende
Gesamtheit" Rat zu schaffen versucht. Da ist aber das Bedürfnis, für
die ethischen Werte ein Subjekt zu bestimmen, zunächst doch aus der
Übertragung der Anforderungen hervorgegangen, die der persönliche
Wert stellt. Läßt man sich aber durch diese nicht voreinnehmen, so
ist kaum zu verkennen, daß zwar sicher die ethischen Wertstellung-
nahmen ganz ebenso wie alle anderen nur an Subjekten auftreten, im
Gedanken des ethischen Wertes aber das Subjekt so wenig eine natürliche
Rolle spielt, daß, sie zur Voraussetzung allen ethischen Wertes zu
machen, zu der nahezu absurden Konsequenz führen müßte, den ethischen
Wert an die Existenz dieser Subjekte zu binden. Wem es für eine
Selbstverständlichkeit gilt, daß das Leben der Güter höchstes nicht
sein kann, der wird also von der Forderung eines Subjektes für allen
Wert gerade bei den höchsten Gütern abgehen müssen.
Zu ganz übereinstimmendem Ergebnisse gelangt man, erstaunlicher-
weise, möchte man fast sagen, bei gewissen Werttatbeständen, die
zunächst mit voller Deutlichkeit auf ein bestimmtes Subjekt hinweisen,
dieses aber dann doch nicht als Wertsubjekt in Anspruch nehmen können,
weil das Werterlebnis fehlt, das, wenn die vorangehenden Darlegungen
im Rechte waren, im Falle persönlichen Wertes diesen Wert mit seinem
Subjekte verbindet. Für das Kind sind, damit muß alle Pädagogik rechnen,
viele Dinge von Wert, die es in seinem Alter nicht zu erfassen, vollends
nicht zu würdigen imstande ist, und von geistig zurückgebliebenen
Erwachsenen gilt dasselbe. Die Werterlebnisse aber sind hier schon
vermöge des Mangels an den erforderlichen Voraussetzungsurteilen aus-
geschlossen.
Im Beispiel vom Kinde konnte man immerhin zunächst meinen, es
liege da überhaupt kein gegenwärtiger, sondern höchstens ein künftiger
Wert vor, ein Tatbestand nämlich, der erst in Zukunft Wertcharakter
annehmen wird, eben dann nämlich, wenn der ausreichend Herange-
wachsene die erworbenen Fähigkeiten wird gebrauchen und schätzen
können. Und solche Auffassung findet eine Stütze darin, daß, wenn das
Kind etwa stirbt, ehe es das Erlernte hat anwenden können, man die
Mühe des Lernens leicht als eine verlorene bedauert. Eine solche Auf-
1 ,,Psych. eth. Unters.", S. 216.
2 Vgl. a. a. O., S. 163 ff.
8 Vgl. „Über emotionale Präsentation", S. 145.
