§ 3. Die Aktualitätsbedingungen. Seins- und Nichtseinswerte.
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geredet werden dürfen. So unterscheidet sich der Potential- vom Aktual-
wertbegriff nicht nur durch die Verschiedenheit von Möglichkeit und
Tatsächlichkeit, sondern auch dadurch, daß jener prinzipiell daseinsfrei
ist, dieser das Daseinsmoment einbezieht. Das Dasein aber, und wäre
es auch nur das des Werterlebnisses, hat natürlich seine Bedingungen,
als deren eine uns eben das Dasein des Subjektes entgegengetreten
ist. Sind, wie im allgemeinen zu erwarten ist, solcher Bedingungen
mehrere, so müssen sie alle erfüllt sein, wenn die im Aktualbegriff
in Anspruch genommene Sachlage gegeben sein soll: die Erfülltheit
bloß eines Teiles dieser Bedingungen aber ist eine Annäherung an
diese Sachlage, und das Hinzutreten erfüllter Bedingungen kann im
Vergleich mit dem Tatbestande ihrer Unerfülltheit ganz wohl als
Aktualisierung bezeichnet werden, natürlich nur eine Aktualisierung in
Gedanken, da es sich bloß um ein Heranziehen der erfüllten Bedingungen
in Gedanken handelt. Die Bedingungen jedoch, eben die, von denen
schon oben bemerkt wurde, daß sie nicht etwa Bedingungen der Mög-
lichkeit sind, könnten ganz wohl als Aktualitätsbedingungen bezeichnet
werden.
§ 3. Die Aktualitätsbedingungen. Seins- und Nichtseinswerte.
Ist dies festgestellt, so erwachsen uns in Betreff der als uner-
läßlich erkannten Aktualisierung des Potentialwertbegriffes zwei Auf-
gaben. Einmal muß ausgemacht werden, welcher Art die Aktualitäts-
bedingungen sind, die hinsichtlich der Möglichkeit eines Objektes,
Gegenstand eines Werterlebnisses zu sein, überhaupt in Frage stehen.
Dann aber kommt es noch darauf an, ob sämtliche dieser Bedingungen
und ob jede davon unter allen Umständen als thetische Determinatoren
in den Wertbegriff tatsächlich einbezogen werden.
Was den ersten Punkt anlangt, so handelt es sich da augen-
scheinlich zunächst um die Bedingungen für das Auftreten der auf
das Objekt gerichteten Werterlebnisse, natürlich für ihr Auftreten in
jener Stärke, die der Größe des betreffenden Wertes angemessen ist.
In dieser Hinsicht bedarf selbstverständlich jedes Werterlebnis eines.
Objektes, auf das es sich bezieht und eines Subjektes, das sich darauf
bezieht. Außer von Subjekt und Objekt hängt das Eintreten und insbe-
sondere die Stärke der Werterlebnisse auch noch von ziemlich mannig-
faltigen Umständen ab, wie zum Beispiel der Anzahl und Beschaffen-
heit noch vorhandener Objekte derselben Art oder solcher, die selbst
Werterlebnisobjekte sind und zum Ausgangsobjekte in gewissen Rela-
tionen stehen und dergleichen. Man könnte Derartiges etwa, soweit es
relativ konstant ist, unter dem Namen der „Umgebung" zusammen-
fassen, wo dann im allgemeinen ein relativ vorübergehendes Moment,
das den Eintritt des Werterlebnisses in der Zeit als letzte Teilursache
entscheidet, noch nicht einbezogen ist. Dieses Moment kann passend
als Anlaß bezeichnet werden, so daß wir in Subjekt, Objekt, Umgebung
und Anlaß dasjenige in Betracht ziehen können, auf das eine thetische
Bestimmung etwa Bedacht zu nehmen hätte.
Meinong, Zur Grundlegung der allg. Werttheorie.
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