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IV. Der Wertgedanke.
tivitätsgrenzen stattfindet [36]. Dies vorausgesetzt, kann man einfach
sagen: der Fehler des Potentialwertbegriffes besteht augenscheinlich
darin, daß er völlig athetischer Natur ist. Das obige Gegenargument
von der mangelnden Vergänglichkeit verliert sofort seine Kraft, wenn
etwa die Existenz eines Wertsubjektes in den Begriff des persönlichen
Wertes einbezogen ist. Darin liegt ohne Zweifel etwas wie eine partielle
Rückkehr zum Aktualwertbegriff; man könnte das eine Aktualisierung
des Potentialbegriffes nennen und nun die Frage erheben, was alles
in eine solche Aktualisierung einbezogen werden muß, um zu einem
natürlichen Wertbegriffe zu führen. Zu diesem Ende muß vor allem
ein Punkt ins Reine gebracht sein. Das, was eben Aktualisierung genannt
worden ist, hat sich uns als ein Fortschreiten auf dem Wege von der
Potentialität zur Aktualität dargestellt. Darf man aber sagen, daß von
der Potentialität zur Aktualität, oder, einfacher ausgedrückt, von der
Möglichkeit zur Tatsächlichkeit mehr als ein einziger Schritt getan werden
muß oder kann, daß es also, von der Möglichkeit ausgehend, eine
Annäherung an die Tatsächlichkeit gibt, die nicht auch schon das
Erreichen dieser Tatsächlichkeit wäre? Was an solcher Frage in erster
Linie Beachtung verdient, ist dies, daß sie die Voraussetzung macht,
Potential- und Aktualbegriff des Wertes unterschieden sich von einander
nicht anders als Möglichkeit und Tatsächlichkeit. Das trifft, wie im
Grunde schon aus den obigen Ausführungen über thetische Prädikation
zu entnehmen war, in Wahrheit nicht zu: Wertgehalten werden, um der
Einfachheit halber hier nur das primäre Werterlebnis hervorzuheben,
steht dem Wertgehalten werden können nicht bloß so gegenüber, wie das
Objektiv „O ist tatsächlich P" dem davon nur modal verschiedenen
Objektiv „O kann P sein". Das Wertgehalten werden können ist aus-
schließlich in der Beschaffenheit des betreffenden Objektes begründet:
das Wertgehalten werden dagegen schließt jedenfalls auch eine Existenz
in sich.
"
Daß dies beim Wertgehaltenwerden können, oder allgemein beim
Objektiv „O ist möglicherweise P" keineswegs der Fall ist, darf für
ohne weiteres selbstverständlich gelten. Daß aber auch das Objektiv
,,O ist tatsächlich P" an sich durchaus nicht eine Existenz verlangt,
um gültig zu sein, erkennt man, indem man etwa von dem Objektiv
„das Viereck kann zwei Diagonalen haben "1 zu dem Objektiv „das
Viereck hat tatsächlich zwei Diagonalen" übergeht, wo mit „das Viereck"
der unvollständige Gegenstand gemeint ist, dem als solchem Existenz
nicht zukommen kann. Nun mag freilich, indem wir auf das Wert-
gehalten werden die Anwendung machen, durchaus nicht selbstverständlich
sein (und wird unten noch zur Sprache kommen), daß, was wertge-
halten wird, auch existiert. Aber auch dann ist für den Anteil der
Existenz immer noch gesorgt, sofern diese dem Werterlebnis nicht
fehlen kann, wo vom tatsächlichen Wertgehalten werden mit Recht soll
1 Daß es sich da naturgemäß nur um Auchmöglichkeit (vgl. „Über Mög-
lichkeit und Wahrscheinlichkeit", S. 100) handeln kann, tut natürlich nichts
zur Sache.
