§ 1. Aktual- und Potentialwertbegriff.
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Um so nachdrücklicher dürfte dagegen ein anderer Umstand gegen
den in Rede stehenden Bestimmungsversuch Zeugnis ablegen. Den
Gedanken, Wert habe ein Objekt, sofern es Objekt eines aktuellen
Werterlebnisses ist, haben wir aufgeben müssen, weil dadurch jede
Konstanz an Werten in Frage gestellt wäre. Umgekehrt wird die
Berufung auf die bloß möglichen Werterlebnisse für unzureichend zu
gelten haben, sofern dadurch jede Vergänglichkeit bei Werten aus-
geschlossen ist. Denn Möglichkeit, mag sie apriorisch oder empirisch
erkennbar sein, hängt nur an der Beschaffenheit ihres Trägers¹, nicht
aber an einer Zeit, in der sie entstehen oder vergehen könnte. Dagegen
zeigt sich der Wert durch die Zeit keineswegs unberührt; insbesondere
scheint er vergehen zu müssen, sobald das Wertsubjekt zu existieren
aufhört. Von Geräten etwa, die einem ausgestorbenen Kult dienten, sagt
man unbedenklich, sie hätten keinen Wert mehr. Auch jeder einzelne
umgibt sich im Laufe seines Lebens mit vielerlei Dingen, die so sehr
seinen besonderen Bedürfnissen angepaßt sind, daß mit seinem Leben
auch ihr Wert erlischt. Soweit es sich aber um die bloße Möglichkeit
handelt, für Werterlebnisse ein Objekt abzugeben, ist diese dadurch,
daß die betreffenden Dinge solche Objekte tatsächlich ausgemacht haben,
aufs beste gewährleistet; sie wird durch jenes Erlöschen nicht mit-
betroffen und es kann keine Zeit geben, in der diese Möglichkeit, so-
weit dabei nur das Objekt nach seiner Beschaffenheit in Betracht
kommt, nicht zu Recht bestünde. Auch der Wert müßte dauern, wenn
er durch nichts als durch diese Möglichkeit konstituiert würde.
Aber ist, die Frage kann hier nicht unaufgeworfen bleiben, die
Vergänglichkeit an den Werten wirklich ein stringentes Argument gegen
den Potentialwertbegriff? Daß der Wert mit dem Wertsubjekt vergeht,
das deutet, so könnte man sagen, nur darauf hin, daß ein Wert ohne
Wertsubjekt eben unmöglich ist. Existiert das Wertsubjekt nicht, dann
fehlt dem Objekt auch die Möglichkeit, wertgehalten oder sonst zum
Objekt eines Werterlebnisses dieses Subjektes gemacht zu werden: Wert
und Möglichkeit gehen also auch für den Fall des Nichtseins ganz im
Sinne des Potential wertbegriffes Hand in Hand. Inzwischen begeht, wer
so denkt, einen Irrtum, zu dessen Aufdeckung ein etwas genaueres Achten
auf das Wesen der Möglichkeit unentbehrlich, aber auch ausreichend
ist. Es kommt dabei darauf an, eine Bedingung tatsächlicher Existenz
nicht für eine Bedingung der Möglichkeit zu halten, eine Forderung,
die zunächst an einem indifferenten Beispiel leicht klar zu machen ist.
Von einer Pendeluhr darf man mit Recht sagen, daß sie unmög-
lich gehen könne, falls ihr das treibende Gewicht fehlt; man schließt
daraus in natürlichster Weise, daß das Vorhandensein des Gewichtes eine
Bedingung für das Gehen der Uhr, genauer also für deren wirkliches
Gehen ausmacht. Nun scheint man zunächst ebenso gut auch sagen zu
können: weil ohne Gewicht das Gehen unmöglich ist, deshalb ist das
1 Über den Begriff des Trägers einer Möglichkeit vgl. „Über Möglichkeit
und Wahrscheinlichkeit", S. 218.
