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III. Weiteres zur Wertpsychologie.
und negativ werthalten soll, also speziell im vorliegenden Falle derselbe
Mensch, der mir Grund gibt, mich über sein Dasein zu freuen und es
andererseits doch auch wieder zu bedauern. Aber die Lage, in der das
Subjekt sich da befindet, weist durchaus den Charakter eines Konfliktes
auf und bestätigt dadurch nur neuerlich die Tatsache, daß es sozusagen
beiden Anforderungen zugleich nicht besser Rechnung tragen kann, als
ein materieller Punkt, an dem zwei verschieden gerichtete Kräfte an-
greifen, sich zugleich in den beiden verschiedenen Richtungen fort-
zubewegen imstande ist. Die Dinge stehen in unserem Falle eben so,
als ob man vor die Übertragung der Werthaltung von den Eigenschaften
auf deren Träger als vor eine Aufgabe gestellt wäre, die erst gelöst
ist, wenn man es zu einer einheitlichen Wertstellungnahme diesem
Träger gegenüber gebracht hat, die dann eine Art Resultierende aus
den Wertstellungnahmen zu den einzelnen Eigenschaften darstellen mag.
Vielleicht könnte man analog zu dem, was ich einst¹ angezeigte und
ausgeführte Vorstellungsverbindung genannt habe, von einer bloß an-
gezeigten und einer ausgeführten Werthaltungsübertragung reden, und
das hier und im folgenden Darzulegende zunächst nur auf die aus-
geführte Werthaltungsübertragung beziehen. Der Übergang von der
Werthaltungsübertragung zur Wertübertragung könnte dann immerhin
neue Probleme mit sich führen, auf die hier noch nicht und später nur
in sehr unvollkommener Weise eingegangen werden kann.
Daß, was hier vom Sein gezeigt wurde, ebenso vom Nichtsein
gilt, indem ich unter Voraussetzung der obigen Kautelen auch am Nicht-
sein eines Gegenstandes nicht sowohl Freude als Leid erleben kann,
versteht sich. Daß es ferner etwas geben sollte, das mir durch sein
Sein ebenso wie durch sein Nichtsein Freude bereitete, dazu ist die
Welt, cum grano salis verstanden, nicht teleologisch genug, daß es
etwas geben sollte, das durch sein Sein wie durch sein Nichtsein Leid
brächte, dazu ist sie nicht disteleologisch genug eingerichtet. So kann
auch nicht Seinsfreude mit Nichtseinsfreude, und ebenso wenig Seins-
leid mit Nichtseinsleid zusammen bestehen.
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Wie man sieht, bleiben von den sich vorgängig in rein äußer-
licher Weise darbietenden sechs Kombinationen überhaupt nur zwei
übrig. Bei diesen zeigen sich nun aber die jedesmal zusammengegebenen
zwei Glieder nicht nur verträglich, sondern wesentlich enger aneinander-
geknüpft. Freue ich mich über das Dasein eines Dinges, so ist ja
nichts selbstverständlicher, als daß mir sein Nichtdasein leid ist und
umgekehrt. Ist mir dagegen sein Dasein leid, so ist es ebenso natürlich,
daß mich sein Nichtdasein freut und umgekehrt. Das kann man leicht
der Erfahrung entnehmen; es ergibt sich aber auch schon bei einiger
Achtsamkeit auf die Natur der Sache, so daß man nicht umhin kann,
hier einen apriorisch einsehbaren Zusammenhang zu vermuten. Was in
dieser Weise innerlich verbunden auftritt, ist äußerlich durch die Gegen-
sätzlichkeit seiner Bestimmungen gekennzeichnet, wenn man einerseits
1 Hume-Studien II, S. 88 (658). (Ges. Abhandl., Bd. II, S. 84.)
