§ 5. Wertgefühle als Seinsgefühle.
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wärtigt. Dabei sind es aber natürlich nicht etwa die Vorstellungen, die
gefallen, sondern jedesmal nur das Vorgestellte. Wie unwesentlich hier
also die Existenz dieses Vorgestellten ist, kann niemand verkennen
und dabei ist das ganze Gebiet des Erdichteten noch gar nicht aus-
drücklich einbezogen, das sogar schon das Sprachgefühl des täglichen
Lebens zum Wahren, respektive Wirklichen in Gegensatz stellt. So ergibt
sich denn, daß die Gefühle, die uns als Wertgefühle entgegengetreten
sind, sich gegenüber anderen Gefühlen durch ein besonderes Verhältnis
kennzeichnen, in dem sie sich zur Existenz ihrer Objekte befinden.¹
Auf dieses eigentümliche Verhältnis könnte man durch die Benennung
„Existenzgefühl" hinweisen, die dann gestatten würde, die hier auf-
geworfene Frage nach der Natur der als Werterlebnisse anzuerkennenden
Gefühle durch die Behauptung zu beantworten: Wertgefühle sind nicht
Gefühle kurzweg, sondern speziell Existenzgefühle.2
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In der Tat vermag eine solche Aufstellung dem wohl größten und
praktisch wichtigsten Teile des Wertgebietes Rechnung zu tragen; den-
noch ist eine Erweiterung erforderlich, weil das Wertgebiet über das
Gebiet der Existenz hinausreicht. Das erhellt deutlichst daraus, daß
Gegenstände mathematischer Betrachtung keineswegs in jedem Sinne
außerhalb der Möglichkeit liegen, dem Wertgesichtspunkte unterstellt
zu werden. Es ist ganz alltäglich, einer komplizierten Rechenaufgabe
gegenüber zu wünschen, daß die Rechnung ausgehen" möchte, sich
an einer eleganten" Ableitung zu freuen und dergleichen. Das ist
ohne Zweifel ein „Wertlegen“, für das aber der Natur der in Frage
kommenden Gegenstände wegen nicht Existenz, sondern bloß Bestand³
in Betracht kommen kann. Manchmal zeigt sich der Wert zwar an
Wirklichem, also an Existierendem, aber doch so, daß er ganz wohl
auch bloß auf Ideales bezogen werden kann, dem als solchem dann
wieder nur Bestand zukommt. Bei einer Kopie wird man meist Wert
auf die Ähnlichkeit mit dem Original legen: soweit es sich dabei um
die bestimmte Beschaffenheit dieser Kopie handelt, betrifft der Wert
auch hier eine Existenz; die Ähnlichkeit aber, auf die doch eigentlich
Wert gelegt ist, kann als solche nicht existieren, sondern nur bestehen.
Gelegentlich mag sich der Übergang von der Existenz zum Bestand
schon etwas formalistisch anlassen: so etwa, wenn man statt auf ein
gewisses wirkliches, also existierendes Buch Wert zu legen, auf die
Tatsache Wert legt, daß es existiert. Die Tatsache als solche aber kann
jedenfalls nicht wieder existieren, sondern nur bestehen; läßt sich also
von ihr Wert prädizieren, so ist, wie wenig wichtig das gegebenen
Falles auch sein mag, damit wieder dargetan, daß der Wert nicht etwa
prinzipiell auf Existenz beschränkt ist.
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Als besonders wichtig wird sich uns erweisen, daß man auch
1 Vgl. auch A. Messer. „Psychologie", Stuttgart und Berlin 1914, S. 301 f.
2 Psych. eth. Unters. z. Werttheorie", S. 14 ff.
3 Über den Gegensatz von Existenz und Bestand vgl. „Über Möglichkeit
und Wahrscheinlichkeit" [Register].
4 Vgl. unten II, § 8.
