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II. Die Werterlebnisse.
lichung nach noch Unbestimmten, im Grunde also doch wieder auf
Existenz des Begehrungsobjektes gerichtet.
Es dürfte der Charakteristik der sich hier bietenden Sachlage
dienlich sein, auch des Gegensatzes zu gedenken, in dem in Bezug auf
den sozusagen obligatorischen Anteil des Existenzmomentes die Vor-
stellungen zu den Begehrungen stehen. Ich muß natürlich etwas vor-
stellen, wenn ich vorstelle; aber auf die Existenz dieses Etwas braucht
beim Vorstellen in keiner Weise Bedacht genommen zu werden. Betrachten
wir nun darauf hin die Hauptwerterlebnisse, so wissen wir zwar, daß
diese nicht etwa mit den Begehrungen zusammenfallen, daß sie viel-
mehr Gefühle sind. Darin aber gleichen sie den Begehrungen durchaus,
daß es auch bei ihnen ganz und gar auf die Existenz (respektive Nicht-
existenz) des Wertobjektes ankommt. Das Kind legt Wert auf sein Spiel-
zeug, der Holzschnitzer auf sein scharfes Messer; und auch hier ist
es eine genauere Beschreibung, wenn man sagt, daß dieses Wertlegen
sich der Existenz, hier des angemessen beschaffenen Messers, dort des
angemessen beschaffenen Spielzeuges (wobei der Besitz mit zu dieser
Beschaffenheit zu zählen ist) zuwendet. Daß unter Umständen an die
Stelle der Existenz auch wohl die Nichtexistenz treten kann, ist selbst-
verständlich; zur Illustration genügt der allgemeine Hinweis auf die
verschiedenen großen und kleinen Übel, auf deren Nichtdasein Wert-
gefühle so gut gerichtet sind wie Wünsche und sonstige Begehrungen. [10]
Kann aber nun etwa behauptet werden, daß, was in dieser Hin-
sicht von den Wertgefühlen gilt, auch von allen übrigen Gefühlen zu-
trifft? Man denke noch einmal an die sinnlichen Gefühle, etwa die An-
nehmlichkeit des warmen Zimmers. Daß ich auf die Zimmerwärme Wert
legen kann, weil sie angenehm ist, und daß dieses Werterlebnis etwas
anderes ist als jene Annehmlichkeit, wissen wir bereits.¹ Halten wir
uns jetzt ausschließlich an dieses letztere Gefühl, so ist natürlich außer
Zweifel, daß die wirkliche, also die existierende Wärme unerläßlich ist,
um diese Annehmlichkeit zu erleben; dennoch wird hier niemand finden,
das Angenehme sei eigentlich nicht die Wärme, sondern deren Existenz,
und auch sonst wäre der vorliegende Sachverhalt nicht getroffen, wenn
ihn jemand so beschreiben wollte, als wäre das Annehmlichkeitsgefühl
hier irgendwie auf die Existenz der Wärme gerichtet.
Übrigens gibt es ein Gefühlsgebiet, wo der Gegensatz zu den
Werterlebnissen noch viel deutlicher ist; ich meine die ästhetischen
Gefühle. Auch sie wenden sich manchmal an ein Wirkliches; so beim
Naturschönen, ebenso, obwohl doch auch wieder in ganz anderer Weise,
wo ein wirkliches Gemälde, eine wirkliche Musikaufführung das Gefühl
erweckt. Aber der Künstler hat von seiner Schöpfung einen ästhetischen
Eindruck auch schon zur Zeit, da sein Werk nur in seiner Phantasie,
also, genauer gesprochen, solange es noch gar nicht existiert, und bereits
der mäßig Musikbegabte spürt Gefallen an einer Melodie nicht nur, wenn
er sie hört, sondern auch schon, wenn er sie sich in Gedanken vergegen-
1 Vgl. oben S. 50.
