§ 5. Wertgefühle als Seinsgefühle.
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nämlich, zum Beispiel in den Phantasiegefühlen Erlebnisse vor sich,
die, obwohl sie nicht aufhören, Gefühle (in ausreichend weitem Wort-
sinne) zu sein, sich ihrem Charakter nach doch in ähnlicher Weise
den Vorstellungen annähern wie etwa jene Denkerlebnisse, die wir
heute als „Annahmen" kennen, dann läßt sich sehr wohl verstehen,
wie Versuchspersonen, die mit diesen Tatsachen unzureichend vertraut
oder wohl gar theoretisch voreingenommen¹ sind, das Vorhandensein
von Gefühlen rundweg in Abrede stellen können, wo ihnen Erlebnisse
entgegentreten, die in der Tat nicht den Gefühlen im altherkömmlichen
engen Sinne zuzuzählen sein mögen. Natürlich erhebt sich die Frage,
welchen Rechtsgrund wir haben, die Aussagen der Versuchspersonen
in dieser Weise zu interpretieren. Die Antwort hierauf kann nur auf
die Tatsache hinweisen, daß die Charakteristik eines Wertes als solchen
ohne Berufung auf gewisse Erlebnisse unmöglich ist, diese Erlebnisse
unvermeidlich Gefühle oder Begehrungen sind, solche emotionale Tat-
bestände aber, wie ich ebenfalls bereits an anderem Orte dargetan zu
haben2 hoffe, durch andere als selbst wieder emotionale Mittel nicht
erfaßt werden können. Damit ist dann freilich zugleich auch behauptet,
daß selbst, wenn man nur das „Innewerden" von Werten als Wert-
erlebnis wollte gelten lassen, dem emotionalen Typus kein ausschließlich
intellektueller Typus an die Seite gesetzt werden dürfte.
Was ich so als unberechtigte Intellektualisierung des Wert-, resp.
Wertungsgedankens bezeichnen möchte, scheint auch noch eine besonders
weite Anwendungsweise des Wortes,,Wert" sei es zum Motiv, sei es
zur Folge zu haben. Die Weiterführung unserer Hauptuntersuchung wird
uns alsbald Gelegenheit geben, auch hierauf mit einigen Erwägungen
einzugehen.
§ 5. Wertgefühle als Seinsgefühle.
Sind wir sonach berechtigt, an der emotionalen Natur der Wert-
erlebnisse als Tatsache festzuhalten, so muß nunmehr zur Beantwortung
der weiteren Frage fortgeschritten werden, ob durch die Charakteristik
der Werterlebnisse einerseits als Gefühle andrerseits als Begehrungen
auch bereits alles zu ihrer Beschreibung Erforderliche beigebracht ist.
Bezüglich der Begehrungen, wie man dieses Wort gewöhnlich zu ver-
stehen pflegt, könnte das ganz wohl der Fall sein: erst in der Folge
wird darauf zurückgekommen werden können, daß der Begriff der
Begehrung eine Erweiterung gestattet, der gegenüber das, was man
1 Zumal das psychologische Experiment nebst vielem Guten gelegentlich
auch das Üble zu stiften scheint, daß man sich bei seiner Verwertung aller,
auch der guten psychologischen Tradition für überhoben hält. So scheint mir
jetzt E. Stern in der wunderlichen Lage zu sein, den erst bereitwillig aufge-
gebenen Urteilsgedanken speziell für die Bedürfnisse des Wertgebietes wieder-
herstellen zu müssen (in der Abhandlung „Zur Frage der logischen Wertung",
Archiv f. d. ges. Psychol. Bd. XXXIX, 1920). Daß ihm dies selbstverständlich
gelingt, wird indes kaum für eine experimentelle Verifikation der Haeringschen Auf-
stellungen gelten können.
2 Über emotionale Präsentation", S. 26 ff.
Meinong, Zur Grundlegung der allg. Werttheorie.
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