§ 4. Wert und Opfer, Kosten, respektive Arbeit.
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die durch die in Rede stehende Auffassung verlangten Opfer bestehen
können. Je seltener also etwas ist, desto mehr Opfer müssen seiner
Herbeischaffung gebracht werden, und es entspricht dann dieser Auf-
fassung durchaus, daß auch der Wert umso größer ist.
Aber es scheint doch noch viel greifbarere Belege zu geben. Das
Zusammengehen von Wert und Kosten macht sich in den Erfahrungen
des täglichen Lebens so auffällig, daß keine einfachere und zugleich
exaktere Weise der Wertbestimmung gefunden werden zu können scheint
als die Preisangabe, und nicht leicht ein Zweifel daran begegnet, daß
der höhere Preis den höheren Wert bedeutet. Und auch die Preisbildung
selbst zeigt sich wesentlich durch die Opfer bestimmt: was mehr Arbeit
verlangt und kostbareres, das heißt teureres Material aufweist, ist selbst
teurer und Herabsetzung oder Steigerung dieser Opfer führt normaler-
weise auch Herabsetzuug oder Steigerung des Kaufpreises mit sich.
Solchen Erfahrungen stellen sich dann andere zur Seite, die, obwohl
sie Anspruch auf ähnliche Stringenz nicht mögen erheben können, ihrer
Tendenz nach, wie es scheint, in keiner Weise zu verkennen sind.
Wer wüßte nicht, wie anders man ein Gut zu schätzen weiß, das man
durch eigene Arbeit und Entbehrung erworben hat, als eines, das ererbt
oder sonst mühe- und kostenlos erworben worden ist? Darin scheint
doch deutlich zutage zu kommen, wie den Wert einer Sache doch
eigentlich nur derjenige richtig erfassen kann, der die Opfer sich
gehörig zu vergegenwärtigen vermag, die sie gekostet hat. Und es gibt
einen allerdings relativ speziellen Fall, wo der Zusammenhang des
Wertes mit der aufgewandten Mühe dem Urteil des täglichen Lebens
ganz geläufig ist. Es wird zwar immer seltener, daß das Kind seinen
Eltern oder die Freundin ihrer Freundin durch der eigenen Hände
Arbeit eine Freude zu bereiten versucht; und es wird gewiß in mehr
als einer Hinsicht „vernünftig" sein, wenn dergleichen immer seltener
wird. Aber wo ein solches Geschenk gegeben und genommen wird,
da besteht in der Regel die ganz sichere Meinung, das Geschenk sei
in dem Maße wertvoller, in dem es den Gebenden mehr Arbeit ge-
kostet hat.
Versucht man nun aber für das, was so gewissermaßen von außen
her ziemlich gut belegt scheint, nun auch eine Art Verständnis von der
Innenseite her zu gewinnen, so kann man sich vor allem des Eindruckes
nicht erwehren, daß der Opfertheorie eigentlich genau das Gegenteil
dessen zugrunde liegt, was man als das Natürliche. weil in sich Ver-
ständliche erwarten möchte. An einem Zusammenhange zwischen Wert
und Opfern wird ja niemand zweifeln; aber jedermann denkt sich ihn
zunächst so, daß man eventuell Opfer bringen wird für etwas, weil es
von Wert ist, nicht aber so, daß etwas deshalb wertvoll ist oder wird,
weil eventuell Opfer dafür gebracht wurden oder werden. Es sieht eben
ganz so aus, als wäre der Wert den Opfern gegenüber das natürliche
Prius, dessen Identifizierung mit den Opfern oder gar Reduktion auf
diese dann selbstverständlich außer Betracht bleiben müßte. Vielleicht
wäre es indes ein allzu summarisches Verfahren, sich durch diesen
