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I. Voruntersuchungen.
Sprachgefühl über eine gewisse Gegensätzlichkeit zwischen „nützlich“
und „angenehm keinen Zweifel aufkommen. Dabei fällt noch nicht
einmal alles zwanglos unter den Gesichtspunkt des Angenehmen, was
diesem sonst darin verwandt ist, daß es sich in ähnlicher Weise wie
dieses nicht in das Nützliche einbeziehen läßt und gleichwohl Wert haben
kann, und noch dazu besonders hohen. Ein Kunstwerk, etwa ein Gemälde
oder eine Skulptur, kann ja von hervorragendem Werte sein; aber zu
den nützlichen Dingen wird es höchstens derjenige zählen können, der
durch Verkauf desselben zu Geld zu kommen hofft. Wem solche Gedanken
fern liegen, der könnte das Kunstwerk immer noch eher angenehm als
nützlich nennen, wenn das Wort „angenehm nur sozusagen gut genug
dazu wäre.
Es war im obigen wiederholt vom Werte der Freundschaft die
Rede; wer aber könnte sagen, wozu Freundschaft oder der Freund als
solcher nütze ist? Daß sich ein Freund sehr häufig als sehr förderlich,
unter Umständen als unentbehrlich erweisen kann, soll darum natürlich
nicht angezweifelt werden; sicher aber ist, daß derlei mehr oder weniger
äußerliche Vorteile die Freundschaft nicht ausmachen und diese im
Prinzip auf keinerlei Vorteile dieser Art rechnet. Noch leichter mögen
solche Zufälligkeiten etwa bei einem Andenken auszuschließen sein,
das in den meisten Fällen ganz nutzlos sein wird, aber trotzdem hohen
Wert haben kann. Nebenbei ist vielleicht schon hier anzumerken, daß
weder beim Freunde noch beim Andenken jenes Lustgefühl namhaft
zu machen ist, um deswillen man auf das Angenehme wie auf das
Schöne Wert zu legen scheint.
Ist durch das Dargelegte der Mangel an Koinzidenz zwischen nütz-
lich und wertvoll auch bereits erwiesen, so empfiehlt es sich doch auch,
diesem Mangel noch etwas tiefer auf den Grund zu gehen. Er ist wohl
am leichtesten zugänglich in der schon dem täglichen Leben geläufigen
Gegensätzlichkeit von nützlich und angenehm. Die Rose oder vielleicht
noch deutlicher den Rosenduft nennt man angenehm; die Werkzeuge,
deren der Gärtner bedarf, um Rosen zu pflanzen und zu ziehen, nennt
man nützlich. Nützlich ist eben ganz allgemein, was sich als Ursache
oder Bedingung eines Angenehmen erweist, etwas, das ein Mittel zum
Angenehmen darstellt. Nun greift aber das Nützliche auch über das
Gebiet des Angenehmen hinaus, indem es, um bei unseren obigen Bei-
spielen zu bleiben, sich auch dem Schönen und nicht minder dem An-
denken, ja selbst der Freundschaft gegenüber einstellen kann. Nützlich
sind ja dem Künstler die Geräte, die sein Handwerkszeug ausmachen,
dem Zuschauer etwa auch sein Opernglas. Nützlich ist, was dazu ver-
hilft, ein Andenken vor schädlichen Einwirkungen oder etwa vor fremder
Habsucht zu schützen. Nützlich ist mir am Ende auch, was einen bösen
Schein von mir fernhält oder zu zerstören gestattet, der sonst meinen
Freund mir entfremdet hätte. Ausschlaggebend ist hier augenscheinlich
überall das Moment der Mittelbarkeit, das dem Nützlichen als solchem
niemals fehlt, indes der Wert daran, wie sich gezeigt hat, keineswegs
gebunden ist.
