§ 3. Wert und Nützlichkeit.
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seitigen. Fanden wir eben dasjenige nützlich, was als wie immer
geartete Teilursache eines Nutzens auftritt oder auftreten kann, so
braucht man nun einem solchen Nützlichen nur in dem Maße Wert
zuzusprechen, als die Realisierung des Nutzens gerade an diesem Dinge
und keinem anderen als an seiner Bedingung hängt. Tut man dies, so
ist leicht zu erkennen, wie die in Rede stehenden Unzukömmlichkeiten
entfallen. Das Wasser, das ich trinke, die Luft, die ich einatme, bringen
mir in ihrer Weise großen, eventuell vitalen Nutzen; man könnte aber
nicht sagen, daß dieser Nutzen gerade an ihnen hängt, derart, daß,
wenn sie nicht da wären, auch der Nutzen nicht verwirklicht würde.
Hätte ich das Wasser im Becher ausgeschüttet, statt getrunken, dann
hätte ich mir eben unter gewöhnlichen Umständen ein anderes Wasser
aus der Quelle oder dem Brunnen geschöpft, und nur wenn dies ver-
möge Wassermangels ausgeschlossen gewesen wäre, hätte die Stillung
meines Durstes an dem Wasser im Becher gehangen, dann aber wäre
auch der Wert des Wassers ein seinem Nutzen entsprechender gewesen.
Ähnlich wird es mit Eisen und Gold stehen. Es sind ohne Zweifel sehr
wichtige Leistungen, bei denen ich des Eisens nicht entraten kann,
aber das kommt dem Werte dieses oder jenes Stückes Eisen wenig zu
statten, weil, wenn mir das eine Stück abhanden kommt, leicht genug
ein zweites an Stelle des ersten in Verwendung genommen werden
kann. Die Leistungen des Goldes mögen dagegen an sich keinen gleich
großen Nutzen repräsentieren wie die des Eisens, aber der Ersatz eines
fehlenden Stückes durch ein anderes ist hier um so vieles weniger
leicht, daß man sehr wohl begreifen kann, wie, wenn es sich um die
Größe des von diesem Stücke abhängigen Nutzens handelt, sich das
gegebene Gold dem gegebenen Eisen überlegen zeigt. Bestimmt sich
also der Wert auch nicht nach dem Nutzen kurzweg, so könnte er sich
doch ganz wohl nach einer Art Determination des Nutzens, man möchte
vielleicht sagen dem abhängigen Nutzen,¹ bestimmen. Stellt man, etwa
nur zum Zwecke vorübergehender Verständigung, im Hinblicke hierauf
der Nützlichkeit kurz die „abhängige" Nützlichkeit gegenüber, so kann
man einfach sagen: Wert ist zwar nicht Nützlichkeit kurzweg, wohl aber
diese abhängige" Nützlichkeit.
Darf man nun aber auch wirklich darauf rechnen, daß jeder Wert-
fall sich dieser abgeänderten Charakteristik fügt? Man kann mit Recht
auf eine Rose Wert legen um ihres Aussehens oder um ihres Duftes
willen. Aber worin besteht hier eigentlich der Nutzen, den sie stiften
und der eventuell auch von ihr abhängen kann? Das, wozu mir die
Rose hier verhilft, ist ein Gefühl von Befriedigung, ein Lustgefühl im
weiten psychologischen Sinne; das aber nennt niemand einen Nutzen.
Darum sagt man auch ganz natürlich von der Rose, sie sei mir angenehm,
nicht aber, sie sei nützlich; und ganz im allgemeinen läßt das natürliche
1 Es ist im Grunde natürlich kein anderer Gedanke als der, von dem
die moderne Nationalökonomie unter dem Namen des Grenznutzens so umfassende
Anwendung macht. Vgl. auch meine Ausführungen,,Über Werthaltung und Wert“,
Archiv f. systemat. Philos., 1895, Bd. I, S. 333 ff.
