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I. Voruntersuchungen.
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dem wirklich Lebensmüden ein Bedürfnis nach dem zuzusprechen sein,
was sein Leben erhält? Oder kann man die Bedürfnisse eines physisch
oder psychisch Kranken, der die Mängel seiner Veranlagung gut genug
kennt, um sie durchaus nicht an künftige Generationen vererben zu
wollen, unter dem Gesichtspunkte der Arterhaltung verstehen wollen? [*]
Es kann also keineswegs alles, was der Selbst- und Arterhaltung dient,
zwanglos unter den Gesichtspunkt des Bedürfnisses gebracht werden.
Steht aber umgekehrt wenigstens jedes Bedürfnis mit Selbst- oder
Arterhaltung in ausreichend enger Verbindung? Gesetzt, die Verbindung
bestünde, so wäre das für eine darauf bezogene Bedürfnisdefinition noch
keineswegs beweisend: auch Erkenntnis ist nicht,,Anpassung der Gedanken
an die Tatsachen", obwohl diese Anpassung mit der Erkenntnis meist
mitgegeben ist. Aber in unserem Falle ist das Bestehen der Verbindung
nichts weniger als selbstverständlich. Wer friert oder hungrig ist, hat
sicher ein Bedürfnis nach Wärme und Speise, der müde Wanderer ein
Bedürfnis nach einem Ruheplatz und so fort. Aber dies alles offenbar
lange, bevor sein Leben dabei auch nur im entferntesten bedroht ist.
Und beim Anerkennungsbedürfnis des Eitlen oder Ehrgeizigen scheinen
einigermaßen vitale Momente überhaupt nicht leicht in Frage kommen.
zu können. Man beruft sich hier freilich leicht und gern darauf, daß
Freude von Natur lebensfördernd, Leid lebenshemmend sei, und wird
hiemit innerhalb angemessener Grenzen auch etwas recht Wahrschein-
liches herangezogen haben. Aber dieser Bedeutung von Lust und Unlust
sind wir beim heutigen Stande unseres psychologischen Wissens um
vieles weniger sicher als jener Bedürfnistatsachen, die man auf sie
zurückzuführen versucht. Jene Bedürfnisse sind also als solche doch
wohl schon erkennbar ohne Hilfe dieser Hypothese: und der Frierende
wird sicher auch dann ein Bedürfnis nach dem warmen Zimmer haben,
wenn ihm nachgewiesen werden könnte, daß das Frieren der Selbst-
und Arterhaltung im allgemeinen oder in diesem besonderen Falle nicht.
das Geringste abträgt.
Es könnte leicht sein, daß, sobald der eben aufgewiesene Mangel
an der vorausgesetzten Koinzidenz zugegeben werden muß, damit auch
das Hauptinteresse an der Bedürfnisdefinition des Wertes geschwunden
ist. Dieses Interesse wurzelt ja nicht zum geringsten Teile in der Hoff-
nung, mit Hilfe der in Rede stehenden Definition den Wert von jeder
etwa zu besorgenden Beziehung zur Psychologie loszulösen, zugleich
aber doch dem Kompetenzgebiete biologischer Betrachtungsweise¹ zu
sichern, der das oben konstatierte anscheinende Hinausreichen des Wertes
über das Organische schwerlich nennenswerte Schwierigkeiten zu bereiten
imstande wäre. Inzwischen überhebt uns dieser Fehlschlag doch in keiner
Weise der Aufgabe, das Verhältnis zwischen Wert und Bedürfnis dadurch
zu klären, daß wir in das Wesen des Bedürfnisses einen positiven Ein-
blick zu gewinnen versuchen.
1 Gegen Überschätzung des biologischen Momentes in der Werttheorie
vgl. jetzt übrigens R. Müller-Freienfels „Grundzüge einer neuen Wertlehre"
in den „Annalen der Philosophie", Bd. I, 1919, S. 358 ff.
