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I. Voruntersuchungen.
Wertes auf die zweite Gruppe in keiner Weise möchte Bedacht zu
nehmen sein. Es wäre aber, soviel ich sehe, eine nicht unerhebliche
Erschwerung solchen Beginnens, wollten wir dabei von Anfang an die
zweite mit der vierten Gruppe in gleichem Maße berücksichtigen. Aus
diesem an sich ganz äußerlichen, weil bloß behandlungstechnischen
Grunde soll die auf die Wesensbestimmung gerichtete Untersuchung im
folgenden zunächst ausschließlich dem persönlichen Werte gewidmet
sein. Dem Bedürfnisse der Kürze entspricht es und hält sich zugleich
in Konformität mit dem Herkommen, wenn dabei statt des genaueren
Ausdruckes persönlicher Wert das Wort „Wert" kurzweg in Anwen-
dung genommen wird.
Indem sonach Wert in diesem einigermaßen engeren Sinne der
Gegenstand nächster theoretischer Bearbeitung wird, kann nicht ver-
kannt werden, daß in der oben hervorgehobenen Beziehung auf die
Person eines Wertsubjektes höchstens eines der diesen Wert konsti-
tuierenden Momente aufgewiesen ist, im übrigen aber die Gegenstands-
beschreibung¹ oder Wesensbestimmung noch aussteht, auf die unser
Absehen zuvörderst gerichtet sein muß. Indem wir also versuchen, das
Fehlende zu ergänzen, begegnen wir Bemühungen, wie sie schon dem
vorwissenschaftlichen Nachdenken nicht fremd sind. Natürlich empfiehlt
es sich für alle Theorie, die Fühlung mit der Betrachtungsweise des
täglichen Lebens nicht ohne Not, also nicht vor sorgsamer Prüfung auf-
zugeben. Es soll daher im folgenden vor allem versucht werden, mit
einigen Auffassungen der Natur des Wertes in Fühlung zu treten, die,
der Betrachtungsweise des täglichen Lebens mehr oder minder nahe-
stehend, auch dort, wo die Wertfragen zuerst einer eingehenderen theore-
tischen Untersuchung unterzogen worden sind, in der Nationalökonomie,
herrschend waren und sich auch heute noch vielfachen Anklanges erfreuen.
§ 2. Wert und Bedürfnis.
Man wird kaum fehlgehen, wenn man behauptet, daß, seit die
Beziehung des Wertes zur ,,Person", also die wesentlich ,,persönliche"
Natur des Wertes sich der Beachtung aufgedrängt hat, kein Gedanke
bereitwilliger zur Beschreibung und wohl auch Erklärung der Werttat-
sachen herangezogen worden ist als der des Bedürfnisses. Daß nichts
Wert hat, sofern es nicht der Befriedigung eines Bedürfnisses dient,
und da so der Wert nicht wohl besser charakterisiert werden kann,
als durch seinen Zusammenhang mit unseren Bedürfnissen, das scheint
nicht nur eine ganz selbstverständliche Sache, sondern man hat sich
durch diesen Hinweis auf die Bedürfnisse wohl auch immer in besonders
exakter oder doch in beruhigend,,positiver", von welt- oder tatsachen-
fremden Neben-, Unter- oder wohl gar Hintergedanken besonders sicherer
Weise belehrt gefühlt. Ohne Zweifel geht dieses gute Zutrauen zum
allergrößten Teile auf die Vormeinung zurück, in dieser Weise den Wert,
der auf den ersten Blick doch nicht eben wenig von der eigentümlichen
1 Vgl. Über Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit", S. 51.
