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IV. Der Wertgedanke.
haben sollte, doch wohl im Besitze des Subjektes sein, eine Voraus-
setzung, die unter den gegebenen Umständen wieder ausgeschlossen wäre.
§ 5. Die Partialwerte und der Totalwert.
Hat sich als der nächste Vorwurf der voranstehenden Unter-
suchungen die Relation zwischen Wert und Hauptwerterlebnis heraus-
gestellt, so darf eine solche die Wertgröße nicht unberücksichtigt lassen,
sofern an ihr die Beschaffenheit des hier vorliegenden funktionellen
Zusammenhanges noch eine besondere Beleuchtung erfährt. Daß aller
Wert steigerungsfähig ist, also Größe hat, darüber besteht kein Zweifel.
Daß auch die Werthaltung quantitativ variabel ist, darauf war bereits
hinzuweisen¹, und in betreff der Weise, in der Wertgröße und Wert-
haltungsgröße zusammenhängen, scheint eine Unsicherheit nicht obwalten
zu können. Es ist ja selbstverständlich, daß zur stärkeren Werthaltung
der größere Wert, zum kleineren Wert die schwächere Werthaltung
gehört. Nun hatte ich aber bereits vor Jahren darauf hinzuweisen,
wie es sich nicht selten zuträgt, daß wir auf die Existenz von Objekten
erheblichen Wertes, wie Freundschaft, Gesundheit, mit relativ schwachen
Werthaltungen reagieren im Gegensatze etwa zu einem unerwarteten
Geschenk, über das man sich lebhaft freuen kann, auch wenn es sich
dabei nur um eine Kleinigkeit handelt. Es fragt sich jetzt, was für
Konsequenzen sich hieraus in betreff der Relation zwischen Werthaltung
und Wert ergeben.
Daß man auf die hier vorliegende Diskrepanz hin versuchen
könnte, der Werthaltung schon von vornherein die ihr vindizierte Bedeu-
tung für den Wert abzusprechen, darauf bin ich seinerzeit bereits selbst
aufmerksam gewesen. Aber die natürliche Zusammengehörigkeit von
Werthaltung und Wert schien mir und scheint mir auch heute so augen-
fällig, daß die Theorie sich wohl nur darauf angewiesen findet, diesen
Tatsachen Verständnis abzugewinnen, ohne jene Zusammengehörigkeit
in Frage zu stellen. Und dies gelingt in der Tat mit leichter Mühe,
wenn man außer unserem Wertverhältnis zur Existenz auch das zur
Nichtexistenz, allgemeiner außer dem zum Sein auch das zum Nicht-
sein in Betracht zieht. Es handelt sich dabei ohne Zweifel um das,
was uns in früherem Zusammenhange bereits unter dem Namen der
„Gegengefühle entgegengetreten ist und stünden diese jederzeit in dem
Stärkeverhältnis zu einander, das den Anforderungen innerer Vernünftig-
keit“ gemäß wäre, so käme ihnen schwerlich die Eignung zu, der in
Rede stehenden Schwierigkeit abzuhelfen. Denn liegt mir viel an der
Existenz, so muß mir vernünftigerweise auch die Nichtexistenz nahe-
gehen, und verschlägt mir die Existenz nicht viel, so sollte auch die
Nichtexistenz nicht viel für mich zu bedeuten haben. Aber wir haben
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1 Vgl. oben S. 82.
2 In der Abhandlung „Über Werthaltung und Wert", Archiv f. systemat.
Philos., Bd. I, 1895, S. 328 ff., 331 f.
3 A. a. O., S. 332, vgl. jetzt auch W. Strich, „Das Wertproblem in der
Philosophie der Gegenwart", S. 39.
