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III. Weiteres zur Wertpsychologie.
von der Beschaffenheit des Objektes und seiner Umgebung auch noch
von der dauernden oder auch nur vorübergehenden Disposition des
Subjektes ab, die so als ein durchaus wesentlicher Faktor bei allen
Wertgefühlen in Betracht kommt.
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Diese Disposition hat man im Auge, wenn man im vorwissen-
schaftlichen Sprachgebrauche von einem Objekte sagt, daß das Subjekt
an dessen Sein oder Nichtsein mehr oder weniger interessiert sei. Damit
ist freilich ein Wort von nicht ganz unbedenklicher Vieldeutigkeit¹ in
Anspruch genommen, in einer Bedeutung obendrein, die vielleicht gar
nicht die dem Ausdrucke am häufigsten beigelegte ist. Aber näher
besehen beschränkt sich jene Vieldeutigkeit, von vernachlässigungswerten
Ausnahmen abgesehen, doch darauf, daß „Interesse" die Disposition
zu Urteilsgefühlen ganz im allgemeinen genannt wird, mag es sich
dabei um Wissens- oder um Wertgefühle handeln. Und wenn man die
Wendung sich interessieren" vielleicht wirklich häufiger bei Wissens-
gefühlen gebraucht und das Adjektiv „interessant" wohl ausschließlich
bei ihnen, 2 so hindert dies, soviel ich sehe, doch durchaus nicht, das
Wort „Interesse" auch mit Bezug auf Wertgefühle anzuwenden, wenn
man im Bedarfsfalle über Mittel verfügt, diese Wortanwendung kenntlich
zu machen. An solchen Mitteln fehlt es aber keineswegs. Betrifft das
Adjektivum „interessant“ ausschließlich die Wissens-, so das Adjektivum
„interessiert" fast ebenso ausschließlich die Wertgefühle. Nicht minder
bestimmt unterscheidet die Sprache, wenn auch nicht gerade in aus-
nahmsloser Konsequenz, das „Interesse für“ vom „Interesse an“ etwas
und meint dort das Wissens-, hier das Wertgefühl. Noch deutlicher
aber ist es, die erstgenannte Disposition als „theoretisches Interesse"
der zweitgenannten als dem „praktischen Interesse" entgegenzustellen.
Man kann also wohl ohne alle Undeutlichkeit sagen: wie das Subjekt
auf das Sein, wie es auf das Nichtsein des in Betracht kommenden
Objektes reagiert, das hängt von dem praktischen Interesse ab, das
das Subjekt an dem betreffenden Objekte nimmt. Näher erweist sich
die so einheitlich benannte Disposition eigentlich als ein Komplex aus
zwei Dispositionen, deren eine das Sein, deren andere das Nichtsein
des Objektes betrifft und von deren einigermaßen unabhängiger Varia-
bilität wir uns im vorangehenden überzeugt haben. Man könnte hier
von positivem und negativem Interesse reden, wenn das dem Umstand
gegenüber weniger undeutlich wäre, daß es da nicht nur in betreff des
Voraussetzungsurteils, sondern auch in betreff des Gefühls den Gegen-
satz der Vorzeichen gibt. Deutlicher wäre es also immerhin, etwa das
Seinsinteresse dem „Nichtseinsinteresse" gegenüberzustellen.
Den Gegengefühlen gegenüber auf die Dispositionen zurückzu-
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1 Vgl. E. Martinak, „Zur Begriffsbestimmung der »intellektuellen Gefühle<
und des >>Interesses«", Süddeutsche Blätter für höhere Unterrichtsanstalten, IV,
Jahrgang 1896, bes. S. 163 ff. Vgl. auch O. Tum lirz, „Die Disposition des theore-
tischen Interesses und ihre aktuellen Korrelate" in "Beiträge zur Pädagogik und
Dispositionstheorie", herausgegeben von A. Meinong, Prag, Wien, Leipzig 1919.
2 Vgl. E. Martinak, a. a. O., S. 165 f.
