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III. Weiteres zur Wertpsychologie.
oder sich sowohl über Sein als Nichtsein eines Objektes freuen könnte
und so fort, ist doch sicher schwerer zu leisten, als daß er nicht bei
unzureichender Überlegung oder Intelligenz Widersprechendes zugleich
für wahr zu halten im Stande wäre. Es sollte natürlich das eine so
wenig geschehen wie das andere; die apriorische Evidenz aber kommt
augenscheinlich hier wie dort zunächst dem zu statten, was sein soll,
und nicht vorbehaltlos dem, was ist.
Nebenbei gestattet diese Vernünftigkeit, auf die Erlebnisse an-
gewendet, eine doppelte Interpretation. Entweder sie besagt, daß wenn
ein Subjekt im Existenzfalle Daseinsfreude erlebt, es sozusagen kon-
sequenter Weise im Nichtexistenzfalle Nichtdaseinsleid zu erfahren hat.
Oder sie bedeutet, daß dieses Nichtdaseinsleid sich einzustellen hat im
ausdrücklichen Hinblick auf die mangelnde Daseinsfreude. Daß von der
Freude zum Leid übergegangen wird, ist dabei natürlich nicht das
Wesentliche; es könnte ebenso gut der umgekehrte Weg eingeschlagen
werden. Nur darauf kommt es an, daß das zweite Gegengefühl sich
das einemal selbständig einstellt, das andere Mal im Hinblick auf das
erste, insofern von diesem gewissermaßen abhängig. Was den Tat-
sachen besser entspricht, kann nur die Empirie entscheiden; keinesfalls
aber darf man sich für die zweite, kompliziertere Auffassung durch die
Erwartung einnehmen lassen, als wäre damit dem Streben nach
theoretischer Sparsamkeit Rechnung zu tragen. Habe ich Nichtseinsleid
an einem Objekte, weil ich der Seinsfreude daran entraten muß, so
liegt auch da ein sozusagen originäres Nichtseinsleid vor, das nur statt
unseres Objektes die fehlende Seinsfreude zum Gegenstande hat. Tat-
sache ist jedenfalls soviel, daß das Denken an das eine Gegengefühl
und dessen Voraussetzungen das andere Gegengefühl in der Stärke
seines Auftretens hebt. Ein Verlust schmerzt besonders stark, solange
der Gedanke an den verlorenen Besitz noch lebendig ist. Einen Besitz
aber, der uns sonst schon ziemlich gleichgültig geworden ist, pflegen
wir erneut zu schätzen, sobald er bedroht ist, und die sonst gewohnte
Umgebung wird uns besonders lieb, sobald wir uns davon vorübergehend
oder dauernd trennen müssen.
Keinesfalls aber hätte man im Auftreten oder Ausbleiben solcher
Nebengedanken das entscheidende Moment dafür zu erblicken, daß
unsere Gefühlserlebnisse so weitgehende Abweichungen von der eben
vermuteten apriorischen Norm aufweisen, wie sie uns in den oben
vorgeführten Ausfallstatsachen entgegentreten. Viel eher möchte hiefür
das Gesetz der Abstumpfung verantwortlich zu machen sein, dem alle
passiven Erlebnisse ebenso ausnahmslos unterstehen dürften, wie die
aktiven (Denken und Begehren) sich dem diametral entgegengesetzten
Übungsgesetze fügen¹. Es liegt an der Gefühlsabstumpfung, daß man
im Laufe seines Lebens so viel an (persönlichen) Werten, immerhin
auch manches an Unwerten verliert, und es ist leicht zu verstehen,
1 Vgl. „Allgemeines zur Lehre von den Dispositionen" in den von mir
herausgegebenen Beiträgen zur Pädagogik und Dispositionstheorie" (Martinak-
Festschrift), Prag 1919, S. 52.
