§ 2. Die Gegengefühle.
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die Qualität des Voraussetzungsurteils, andererseits die des zugehörigen
Gefühles in Betracht zieht. Seinsfreude gegenüber Nichtseinsleid, Nicht-
seinsfreude gegenüber Seinsleid weist in jedem der beiden Kombinations-
fälle das auf, was man in ohne weiteres verständlicher Weise als ent-
gegengesetzte Vorzeichen charakterisieren kann. Gefühle von solcher
Gegensätzlichkeit habe ich mit Rücksicht auf diese als Gegengefühle
bezeichnet¹; die beiden Gegengefühlspaare sind es also, in deren Betrach-
tung wir eben eingetreten sind und bei denen wir nun noch ein wenig
verweilen müssen.
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Dem Anschein apriorischer Verbundenheit der Gegengefühle stehen
nämlich, dies muß zuvörderst anerkannt werden, Erfahrungen in Menge
gegenüber, die in Betreff der Möglichkeit gesonderten Auftretens der
Glieder je eines Paares keinen Zweifel gestatten. Das ist zunächst für
Seinsfreude leicht genug zu belegen. Es gibt Menschen, die ohne irgend-
wie abergläubisch zu sein, sich doch freuen, so oft sie vierblättrigen
Klee finden: es liegt ihnen aber nichts ferner, als betrübt zu sein, weil
sie einmal keinen finden. Eine Lust", das Wort im engen unpsycho-
logischen Sinne verstanden, in dem „Vergnügung" immerhin deutlicher
sein mag, läßt man sich, wenn der Zufall dergleichen bietet, mit
Freuden" gefallen; wer aber nicht etwa vergnügungssüchtig oder sonst
ohne inneren Halt ist, macht sich nicht leicht etwas daraus, wenn ein
solcher Zufall sich nicht ereignet. Es freut uns, wenn jemand, der uns
lieb ist, unerwartet eine hervorragende ethische oder künstlerische
Befähigung betätigt; aber wir verlangen" dergleichen nicht von ihm
und sind's zufrieden, wenn er in diesen Hinsichten nicht hinter dem
alltäglichen Mittelmaße zurückbleibt. Und wahrscheinlich halten wir es
nicht nur unseren Lieben gegenüber so, sondern auch beim „fremden"
Mitmenschen; hervorragende ethische Befähigung schlagen wir hoch an,
reagieren aber relativ schwach oder auch gar nicht auf deren Fehlen²,
Gibt es sonach Seinsfreude ohne Nichtseinsleid, so nicht minder
Seinsleid ohne Nichtseinsfreude. Das gilt zumeist von „Schmerzen" im
engen, physischen Sinne, ebenso von vielem außerphysischen Ungemach.
Dabei würden freilich Vorstellungs-, also insbesondere Empfindungs-
gefühle, wie die erwähnten physischen Schmerzen an sich nur ganz
äußerlich unter das eben namhaft gemachte Schema fallen: denn daß
das bloße Nichtdasein körperlichen Schmerzes nicht schon selbst körper-
liche Lust ist, das ist freilich selbstverständlich, wäre aber etwas wesent-
lich anderes, als was uns jetzt beschäftigt. Man kann aber bekanntlich
sehr wohl über körperliche Schmerzen betrübt sein: und für diesen
Fall verdient die Tatsache Beachtung, daß ein Subjekt, das solcher
Betrübnis sehr wohl fähig ist, sich über die Abwesenheit von Schmerzen
1 Vgl. „Für die Psychologie und gegen den Psychologismus usw.", S. 5,
auch „Über emotionale Präsentation", S. 126 ff.
2 Zur Illustration dieses und der sogleich folgenden ethischen Beispiele
auf dem von mir unter dem Namen des ,,Moralischen" näher untersuchten
Spezialgebiete vgl. meine „Psychol.-eth. Unters.", besonders die das „Unter-
lassungsgesetz" betreffenden Ausführungen S. 89 f. und sonst.
