§ 2. Die Gegengefühle.
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auch Freude und Leid zu sagen sein wird, falls man nur vermeidet,
den Gedanken an Komplexe, insbesondere Affekte, in die möglichst
elementar gemeinte Betrachtung hineinzutragen. Andererseits hat das
Sein, auf das die Werthaltungen bezogen sind, je nach dem für die
Wertgefühle (im Gegensatz zu den Wissensgefühlen) so wesentlichen
affirmativen oder negativen Charakter des es erfassenden Voraussetzungs-
urteils entweder positive oder negative Qualität, so daß man im Hinblick
hierauf von Seinsgefühlen (das Wort „Sein" in engerem Sinne als
positives Sein verstanden) und Nichtseinsgefühlen reden darf. Ganz
äußerlich kombiniert, ergehen diese beiden Gegensätzlichkeiten die vier
Klassen: Seinsfreude und Seinsleid, Nichtseinsfreude und Nichtseinsleid,
was sich in einfachen Symbolen übersichtlich zusammenstellen läßt,
indem man etwa mit Wh die Werthaltung, mit O deren Objekt, durch
Klammern das Objektiv bezeichnet, das Vorzeichen des Objektivs aber
rechts oben am Objektssymbol, das Werthaltungsvorzeichen unter dem
Werthaltungssymbol anbringt. Man erhält dann:
Wh (0+)
Wh (0-).
Niemand wird erwarten, daß bei Übereinstimmung im Objekt diese
Klassen sozusagen gleichgültig nebeneinander bestehen werden. Was
hier zunächst in die Augen fällt, sind gleichsam Störungen in der
Möglichkeit des Zusammenseins, kürzer also Unverträglichkeiten, die zu
Tage treten, wenn man es mit der Identität des Objektes nur genau
genug nimmt. Am Sein eines und desselben Gegenstandes sowohl Freude
als Leid zu haben, scheint, für die nämliche Zeit direkt unmöglich¹,
für verschiedene Zeiten nicht gerade ausgeschlossen, aber inkonsequent
und dem Vorwurfe der Launenhaftigkeit ausgesetzt. Die eben gestellte
Forderung ausreichender Genauigkeit betrifft die Tatsache, daß etwa
ein Ding zugleich sehr verschiedene Eigenschaften hat, deren manche
erfreulich, andere sehr unerfreulich sein können. Derselbe Mensch hat
neben guten auch schlechte Seiten, ein Apparat kann erhebliche Leistungs-
fähigkeit mit geringer Dauerhaftigkeit verbinden. Unter solchen Umständen
hat man es eben eigentlich nicht mit einem Werthaltungsobjekte zu tun,
sondern mit deren zweien.
Wh (0+)
+
Wh (0-)
+
Eine Schwierigkeit bleibt dabei freilich immer noch übrig, aus
der die Theorie hoffentlich noch Gewinn ziehen wird, weshalb sie hier
angemerkt sei. Sind es auch die Eigenschaften eines Menschen, auf
die sich meine Werthaltung zunächst bezieht, so geht die Werthaltung
doch im Sinne einer schon oft konstatierten, im folgenden noch näher
zu betrachtenden Übertragung von den Eigenschaften auch auf deren
Träger über. So ist es am Ende doch derselbe Mensch, den ich positiv
1 Mehr als einmal ist schon das gleichzeitige Erleben von Lust und Unlust
ganz ohne Rücksicht auf den Voraussetzungsgegenstand für unmöglich erklärt
worden, vgl. B. Groethuysen, „Das Mitgefühl", Zeitschrift f. Psych., Bd. 34,
1904, S. 199, Anm. 5.
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