§ 1. Zur Beschreibung der Werthaltungen.
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treten können, um sich dann gleichwohl für das Willensleben als das
durchaus Entscheidende zu bewähren. Gelegentlich hat man in einem
„eigenartigen Zumutesein eine besondere Gruppe von Innenempfindungen
feststellen können, die das Bewußtsein neben der Lust aufweist, wenn
ihm etwas Wert hat":¹ ist solche Berufung auf „Innenempfindungen"
auch kaum das Exakteste an psychologischer Beschreibung, so mag
doch die Eigenartigkeit der Sachlage darin in nicht ungeeigneter Weise
zum Ausdrucke gelangen. Speziell von „geistigen Werten" ist behauptet
worden, „daß sie in der Art ihrer Gegebenheit eine eigentümliche
Abgelöstheit und Unabhängigkeit gegenüber der gesamten Sphäre des
Leiblichen an sich tragen".2 Sehe ich recht, so gilt das von allen
Werten, oder auch: aller Wert hat als solcher den Charakter des
„Geistigen", welcher Beschaffenheit immer der Gegenstand sein mag,
an den das Wertgefühl sich knüpft. Es darf als Zeugnis für die Eigen-
artigkeit der Werterlebnisse in Anspruch genommen werden, daß
H. Schwarz sie überhaupt gar nicht den Gefühlen beizählen zu dürfen
meint, sie vielmehr (freilich unter dem sonst jederzeit für Gefühle
gebräuchlichen Namen des „Gefallens") dem Willensgebiete zuweist.³
In diesem letzteren Umstande kommt dann die Tatsache zur Geltung,
daß, was man herkömmlich allein als „Begehrung zu betrachten pflegt,
speziell als Wertbegehrung bezeichnet zu werden verdient, sofern es
im Gegensatze etwa zu Wissensbegehrungen oder ästhetischen Begeh-
rungen ausschließlich Wertgefühle zu Motiven hat. Es scheint geradezu,
daß derlei Begehrungen die Wertgefühle direkt als constitutiva in sich
schließen, indem sie sich auf diesen ähnlich aufbauen wie Urteile
oder Annahmen auf Vorstellungen, sofern jedesmal zum passiven dort
intellektuellen, hier emotionalen Grunderlebnis ein besonderes Aktivitäts-
moment hinzutritt.
Es entspricht dem, was uns eben als Blässe und Unscheinbarkeit
der Wertgefühle entgegengetreten ist, daß sie eine gewisse Einförmigkeit
aufweisen, die zu den auffallenden Stärkeverschiedenheiten bei ästhe-
tischen und noch mehr bei sinnlichen Gefühlen in nicht zu verkennendem
Kontrast steht. Daraus erklärt sich wohl die nicht selten begegnende
Tendenz, den Wertgefühlen Stärke und insbesondere Stärkevariabilität ab-
zusprechen. Aber einer der neuesten Vertreter dieser Ansicht, H. Schwarz,
meint doch, wenn auch nicht von mehr oder weniger „stark", so doch
von mehr oder weniger „satt“ bei den Werterlebnissen reden zu müssen,
1 E. Heyde, Grundlegung der Wertlehre", S. 92.
2 A. Messer, „Psychologie", S. 304.
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8 Vgl. W. Liel, „Gegen eine voluntaristische Begründung der Werttheorie"
a. a. O.
4 Vgl. „Über emotionale Präsentation", S. 97 f.
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5 Vgl. jetzt auch R. Müller-Freienfels, Grundzüge usw.,' a. a. O.,
S. 362 f., der sich sogar dagegen wendet, „den Intensitätsbegriff . . . quantitativ
machen zu wollen", was nur unter Voraussetzung eines besonders engen Quan-
titätsbegriffes verständlich ist. Über diesen vgl. meine Ausführung „Über die
Bedeutung des Weber'schen Gesetzes", Gesammelte Abhandl., Bd. II, S. 217 ff.
6 Vgl. W. Liel, a. a. O.
Meinong, Zar Grundlegung der allg. Werttheorie.
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