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III. Weiteres zur Wertpsychologie.
Die im vorigen Kapitel gewonnene Charakteristik der Wertgefühle,
die in der Greifbarkeit ihrer Bestimmungen geradezu definitorischen
Ansprüchen genügt, erkauft diesen Vorzug, wie das ja auch sonst
öfter begegnet, durch ihre Äußerlichkeit. Denn sie hält sich nur bei
den Gegenstandsvoraussetzungen, respektive Voraussetzungsgegenständen
auf, ohne auf die Beschaffenheit der betreffenden Gefühle selbst ein-
zugehen. Wer versuchen will, diesem Mangel abzuhelfen, dem bieten
sich als heuristische Behelfe von selbst die nun auch dem Gefühle
gegenüber in Betracht zu ziehenden drei Momente „Akt, Inhalt und
Gegenstand" dar, die der psychologischen Analyse zunächst auf dem
intellektuellen Gebiete, also beim Vorstellen und Denken, so gute Dienste
geleistet haben. Nur könnte man, dem Herkommen entsprechend, leicht
der Meinung sein, mindestens vom Inhalte oder doch vom Gegenstande
der Wertgefühle sei im vorangehenden reichlich die Rede gewesen,
hinsichtlich des Aktes aber hätten die Wertgefühle mit allen übrigen
Gefühlen eben die ihnen sämtlich wesentliche Gegensätzlichkeit von
Lust und Unlust gemein, eine anderweitige qualitative Verschiedenheit
aber komme bei Gefühlen überhaupt nicht vor, sondern höchstens (auch
das wird in Frage gestellt) eine quantitative, indes alles übrige an
Differentiationen eben dem durch die intellektuellen Voraussetzungs-
erlebnisse hinzugebrachten Inhalte „oder" Gegenstande beizumessen
wäre. Eine eingehende Untersuchung dieser wichtigen Dinge, so nötig
sie auch sein mag, würde hier zu weit führen; vielleicht darf ich mich
indes auf eine skizzenhafte Formulierung des mir sachgemäß scheinen-
den Standpunktes um so leichter beschränken, als ich mindestens einiges
Eingehendere hierüber bereits an anderem Orte¹ dargelegt habe.
Wir beginnen mit der Erinnerung daran, daß die Wertgefühle
so unselbständige Erlebnisse sind wie Gefühle sonst und daß diese
Unselbständigkeit sie in ihrem Auftreten unvermeidlich an intellektuelle
Erlebnisse bindet. Es liegt nahe, das Verhältnis der Gefühle zu diesen
intellektuellen Erlebnissen kausal zu denken; aber man möchte kaum
gewährleisten können, daß z. B. eine Geschmacksempfindung der durch
sie ausgelösten Geschmackslust jedesmal in der Weise zeitlich voran-
gehen müßte, in der die Ursache vor der Wirkung sein muß. Es hat
mir daher einst2 minder präjudizierlich geschienen, hier von Voraus-
setzungen, als von Ursachen der Gefühle zu reden, näher, da auch an
physischen Voraussetzungstatbeständen kein Mangel sein wird, von psycho-
logischen Voraussetzungen. Zu einer weiteren differentiativen Bestim-
mung gibt bei ihnen der Umstand Anlaß, daß sie den auf sie gestellten
Gefühlen gleichsam ihren Gegenstand mitteilen. Wir konnten im voran-
gehenden oft und ungezwungen vom Wertobjekte und dann genauer
vom Objekte unserer Wertgefühle, nicht minder von dem der ästhetischen
Gefühle oder der sinnlichen Gefühle handeln. Dem Herkommen, Inhalt
und Gegenstand nicht oder nicht sorgfältig auseinander zu halten, ist
1 In „Über emotionale Präsentation“.
2 Psych. eth. Unters. z. Werttheorie", S. 34.
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