III. Weiteres zur Wert psychologie. § 1. Zur Beschreibung der
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Werthaltungen.
zu werden, Recht zu haben und so fort ebenso bestellt ist, versteht
sich von selbst.
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Schließlich ist hier auch der ‚übernommenen Wertungen noch
einmal zu gedenken. Wie erwähnt, sind das, soviel ich ermessen kann,
zunächst überhaupt keine Werterlebnisse, sondern bloß Urteile über
einen Wert. Aus ihnen pflegen aber, worauf noch zurückzukommen sein
wird, durchaus lebendige Werthaltungen hervorzugehen¹: das, von dem
ich weiß, respektive zu wissen glaube, daß es Wert hat, werde ich
leicht genug auch selbst werthalten. Soll also in solchen Fällen nicht
etwa eben dieses Werturteil die eine (näher die primäre) „Stellung-
nahme“ sein, so haben wir es auch da nur mit einer einzigen Stellung-
nahme zu tun; dennoch ist an der Vollständigkeit auch eines unter
solchen Umständen auftretenden Werterlebnisses nicht zu zweifeln.
Das Dargelegte scheint mir zum Erweise dafür auszureichen, daß
Müller-Freienfels' Anforderung einer doppelten „Stellungnahme“ keines-
wegs bei allen Werthaltungen erfüllt ist. Auch eine einzige „Stellung-
nahme" reicht aus und damit kommen wir wieder auf das in den voran-
gegangenen Untersuchungen herausgearbeitete, relativ einfache Wert-
gefühl, die Werthaltung zurück. Den Ausführungen Müller-Freienfels'
kommt aber gleichwohl das Verdienst zu, auf einen wichtigen Unter-
schied an diesen Werthaltungen besonders nachdrücklich aufmerksam
gemacht zu haben. Wir werden auf diesen Unterschied zurückkommen,
wenn wir, wie im folgenden geschehen soll, den psychologischen Vor-
aussetzungen der Werthaltungen näher zu treten versuchen.
III. Weiteres zur Wertpsychologie.
§ 1. Zur Beschreibung der Werthaltungen.
Es ist auch bei denjenigen Forschern, die als unser eigentlich
charakteristisches Verhalten in Wertangelegenheiten das Gefühl an-
erkennen, nicht eben gebräuchlich, dann noch zwischen Gefühlen ver-
schiedener Art zu unterscheiden und nur ganz bestimmte Ausgestaltungen
unseres Gefühlslebens den Werten spezifisch zuzuordnen². Im obigen
ist dies durch Herausarbeitung des Begriffes des Wertgefühles und
insbesondere des Begriffes der Werthaltung zu leisten versucht worden.
Es wird sich unter solchen Umständen empfehlen, die Eigenart der
unter diese Begriffe fallenden Erlebnisse in möglichst helles Licht zu
rücken, indem hier zusammengestellt wird, was eine erste psychologische
Analyse an diesen Erlebnissen zu ergeben scheint. Es kann dabei
vorerst nur der Weg direkter Analyse beschritten werden, unbeschadet
des primitiven Charakters einer solchen, immerhin in der Hoffnung,
daß namentlich das psychologische Experiment sich auch in dieser
Sache recht bald hilfreich erweisen möchte.
1 Vergl. übrigens R. Müller-Freienfels selbst, a. a. O., S. 331 ff.
2 Eine Ausnahme macht, wie sich gezeigt hat, R. Müller-Freienfels.
