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II. Die Werterlebnisse.
Inhalt" im obigen¹ Sinne und sonst auf nichts und es fehlt, soviel ich
sehe, jeder Grund, ein solches Erlebnis anders als etwa vermöge will-
kürlicher Konvention für ein bloß unvollständiges Werterlebnis zu
nehmen. [22]
"9
"
Was so die Berücksichtigung des gegenständlichen. Momentes
ergibt, findet bei direkter Betrachtung der Erlebnisse selbst seine volle
Verifikation: die Stellungnahme zur Stellungnahme", so gewiß sie ein-
treten kann, fehlt doch ebenso gewiß in tausend Fällen, denen niemand
den Charakter der Werterlebnisse abspricht. Und selbst wenn man von
der Forderung einer bestimmten Relation der zweiten Stellungnahme
zur ersten absieht, möchte schon die bloße Zweiheit der Stellungnahmen
mit der Empirie nicht in Einklang zu bringen sein. Auf den Schatz
mag man noch immerhin Wert legen um des Wertes willen, den man
auf die Macht legt, die der Reichtum mit sich bringt. Minder unge-
zwungen ergibt sich aber die Zweiheit der Stellungnahmen schon bei
dem wiederholt gebrauchten Beispiel vom Andenken an den teuren
Verstorbenen. Oder sollte hier die Wertschätzung des Verstorbenen eine
Art Grundlage" für die Bewertung der Reliquie abgeben? Aber zum
mindesten ist die Werthaltung des Verstorbenen selbst eben auch eine
Werthaltung, und man wird leicht genug in Verlegenheit kommen, wenn
man etwa das Verhältnis zu ihm auf bestimmte Eigenschaften zurück-
führen soll, deren Werthaltung der Werthaltung der Person vorher-
gegangen wäre und jedenfalls wird die den Tatsachen entsprechende
Reduktion bald genug ihr Ende finden. Im Gesagten liegt bereits ein-
geschlossen, wie es mit den Gefühlen der Liebe, Freundschaft, Ver-
ehrung ganz im allgemeinen bewandt ist: sie sind gewiß nicht bloß
Wertgefühle, schließen aber ohne Zweifel Wertgefühle in sich; diese
können unter Umständen auch „interessiert" sein, wie man zu sagen
pflegt, und aus den so zur Geltung gelangenden Interessen heraus ihre
Begründung finden. Aber oft genug wird, wenn man dem Zeugnis der
Empirie trauen darf, solche Begründung fehlen und dann fehlt in letzter
Linie auch die Zweiteiligkeit.
Noch durchsichtiger, weil einfacher, steht es mit vielen altrui-
stischen Werthaltungen2, denen, wie noch näher darzulegen sein wird,
eigen ist, daß sie seitens des Ego deshalb auf ein Objekt gerichtet
werden, weil der Alter dieses Objekt werthält. Das sieht auf den
ersten Blick immerhin wieder wie Wertgrundlage und Wertsetzung aus.
Aber für die beiden „,Stellungnahmen im Sinne Müller-Freienfels', ist
doch sicher die (höchstens durch Spaltung" abgeschwächte) Identität
des stellungnehmenden Subjektes erforderlich: diese fehlt hier jedoch,
so daß seitens des allein maßgebenden Ego jedenfalls nur eine einzige
Stellungnahme vorliegt. Daß es dann bei ethischen Werten, nicht
minder beim Werte, den man darauf legt, geliebt, geehrt, verstanden
"
1 Natürlich mit dem hier und sonst von mir eingehaltenen Wortgebrauche
nicht übereinstimmenden
2 Vielen, nicht allen, weil es auch bei ihnen eventuell Werthaltungs-
übertragung gibt, von der weiter unten die Rede sein wird. (III, § 4.)
