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II. Die Werterlebnisse.
man dem Gegenstande derselben, soweit er bekannt ist, eine möglichst
bevorzugte Stellung in der Aufmerksamkeit einräumt. Das greift dann
auch auf das solchen Gefühlen zugeordnete Begehren über, sofern man
zum Beispiel beim Spazierengehen, bei Jagd oder Spiel sich völlig
fiktive Ziele steckt, indes man die eigentlichen Gegenstände der betref-
fenden Lustgefühle nur mit zweifelhaftestem Erfolg in das Zentrum
seines Begehrens setzen dürfte.
Man kann also zusammenfassend behaupten: es gibt auch Vor-
stellungsgefühle, bei denen der Voraussetzungsakt, und solche, bei denen
der Voraussetzungsinhalt die Hauptrolle spielt. Jene kann man Vor-
stellungsakt-, diese Vorstellungsinhaltsgefühle nennen und dann jenen
die Wissensgefühle als Urteilsakt-, diesen die Wertgefühle als Urteils-
inhaltsgefühle an die Seite setzen. Die Phantasiewertgefühle schließen
sich dabei der Charakteristik der Ernstwertgefühle zwanglos an, während
für das allfällige Phantasieseitenstück der Wissensgefühle aus dem
oben angegebenen Grunde die Bezeichnung Phantasiewissensgefühl"
schwer anwendbar ist.
Eine Frage kann diesem Ergebnis gegenüber nicht ganz unberührt
bleiben: wie ist es mit der Gegenständlichkeit von Gefühlen bewandt,
bei denen der Voraussetzungsinhalt so sehr hinter dem Voraussetzungs-
akt zurücktritt, wie wir dies bei den Aktgefühlen eben gefunden haben?
Bei den Inhaltsgefühlen besteht in dieser Hinsicht natürlich keinerlei
Schwierigkeit; kann aber ein Gegenstand, der durch den bei den Akt-
gefühlen so wenig ausschlaggebenden Inhalt ihrer Voraussetzungen
präsentiert ist, überhaupt noch einen Gegenstand des betreffenden
Gefühles ausmachen, und wenn nicht, wo ist dann der Gegenstand
solcher Gefühle zu suchen?
Speziell bei den Wissensgefühlen legt diese Benennung es beson-
ders nahe, zu meinen, ihr Gegenstand, das also, an dem man sich da
eventuell freut, sei eben das Wissen, also etwas ganz anderes als was
der Inhalt des betreffenden Voraussetzungsurteiles zu erfassen vermag,
indem dieses nicht auf das Wissen, sondern auf das günstigen Falles
Gewußte gerichtet ist. Und ohne Zweifel gibt es Gefühle, die sich als
Freude am Wissen beschreiben lassen. Aber wer sie erlebt, denkt eben
ausdrücklich daran, daß er weiß, sein Gefühl wendet sich also an das
vom Fühlenden erfaßte Dasein eines Wissens, das heißt es handelt sich
da um ein Existenzgefühl, wie es uns in so vielen Wertgefühlen
begegnet, nur mit der besonderen Bestimmung, daß das Existierende,
worauf es diesmal ankommt, das Wissen ist. Bei der sonst so großen
Variabilität der Objekte möglicher Wertgefühle könnte man den ganz
speziellen Fall, wo das, worauf Wert gelegt wird, statt eines anderen
Gegenstandes ein Wissen ist, unmöglich einer ganz anderen Klasse von
Gefühlen zuweisen. So paradox es klingen mag, daß ein Gefühl, das
ganz ausdrücklich auf ein Wissen geht, doch kein Wissensgefühl sein
soll, diese Konsequenz wird gleichwohl im Hinblick auf den Sinn, in
dem oben der Ausdruck,Wissensgefühl" eingeführt worden ist, gezogen
werden müssen: wir haben es hier mit einem Wertgefühl zu tun, dessen
